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Wo wohnst du? Gibt es da überhaupt Mitspieler?

Alpirsbach

Etwas mehr als zwei Jahre ist es inzwischen her, dass Tom Felber (damals Vorsitzender der Jury Spiel des Jahres) mich in meinem idyllischen Heimatörtchen im Odenwald besuchte. Meine Aufnahme in die Jury wurde diskutiert und es waren noch ein paar Punkte zu besprechen – soviel hatte Felber bereits vorab angekündigt. Natürlich machte ich mir meine Gedanken: Sind meine Beiträge kritisch genug? Veröffentliche ich ausreichend Rezensionen und spiele ich überhaupt genug? All das wurde dann auch tatsächlich angesprochen. Mindestens ebenso wichtig war allerdings die Frage nach meinen Mitspielern und den Möglichkeiten, weitere zu finden. Eigentlich klar. Schließlich war ich erst vor kurzem aus Bonn hergezogen und wohne nun eine knappe Stunde von der nächsten Autobahnauffahrt entfernt. Oder, wie Tom Felber es ausdrückte: „Das ist ja eine wunderschöne Motorradstrecke. Nur Wald und sonst nicht viel.“

Der Blick auf Airlenbach

Kurios: Damals hörte ich die Frage nach Mitspielern auf dem Land zum ersten Mal. Seitdem begleitet sie mich aber ständig. Gerade in Großstädten scheint man sich kaum vorstellen zu können, dass auch auf dem Land viele Menschen spielen. Chris Mewes berichtete vor Längerem von den spielerischen Begebenheiten in und um München. Er erzählte von Spieltreffs, Messen, und dem Spielearchiv. Von mehr als 20 Autoren und Verlagen, die in der Metropole ansässig sind. Und auch sonst scheinen Spieler (oder zumindest bloggende Spieler) eine Tendenz zu haben, in großen Städten zu wohnen. Die Frage nach den Mitspielern hätte mich also eigentlich nicht überraschen dürfen. Und dennoch kam mir das zuvor nie in den Sinn. Denn Mitspieler hatte ich eigentlich immer genug, ob in Göttingen, Bonn oder jetzt im beschaulichen Oberzent.

Zugegeben hatte ich einige Vorteile, die man bei einem Umzug sonst nicht hat. So sind wir nicht etwa in die Fremde gezogen, sondern zurück in die Heimat. Ich selbst bin keine 20 Kilometer entfernt aufgewachsen. Einen ordentlichen Grundstock an Mitspielern hatte ich also schon, spielen doch eigentlich fast alle Familienmitglieder und alle Freunde schon seit Jahren. Doch selbst wenn man auf diese Art sicherlich ausreichend Mitspieler hat um privat seinem Hobby nachzugehen, für die Juryarbeit reicht das nicht aus. Denn feste Mitspieler haben leider ein Problem: Mit jeder Partie wächst ihre Erfahrung. Und auch wenn das eigentlich etwas Positives ist, soll das Spiel des Jahres doch gerade unerfahrene Spieler an das Hobby heranführen. Also muss eine andere Möglichkeit her.

Offene Spieletreffs sind dabei eine feine Sache. Neben regelmäßigen Mitspielern kommen hier auch immer wieder neue Besucher, angelockt durch Neugier oder auf Empfehlung von Freunden. Für unerfahrene Mitspieler ist also gesorgt. Blöd nur, wenn selbst im Umkreis von 50 Kilometern solch eine Veranstaltungen nicht existiert. Die Lösung: Selbst etwas organisieren. Aber was ist, wenn keiner kommt? Gibt es überhaupt genug Spieler (oder solche die es werden wollen) in der Umgebung? Am Ende sitze ich da allein rum. Wer hing nicht schon mal solchen oder ähnlichen Gedanken nach? Ich kann euch sagen: Versucht es einfach. Wenn sogar in Oberzent genug Spieler zusammenkommen, um die Räumlichkeiten an ihre Kapazitätsgrenze zu bringen, dann gelingt das auch andernorts.

Inzwischen gibt es für solche Veranstaltungen auch mannigfaltige Unterstützung: Ob die Aktivitäten von Verlagen, Stadt-Land-Spielt oder auch Spielend für Toleranz, Gründe für einen offenen Spieletreff gibt es genug. Gerade mit Letzterem habe ich in den vergangenen Monaten sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch wenn rund 40 Teilnehmer im Vergleich zu anderen Veranstaltungen vielleicht eher mickrig wirken, ist das für unseren kleinen Ort ein sehr beachtliches Ergebnis. Besonders erfreulich war dabei die große Bandbreite der Besucher. Mindestens acht Nationalitäten spielten gemeinsam und gaben dem Motto „Gegen Fremdenfeindlichkeit“ ein Gesicht. Der jüngste Mitspieler hatte dabei gerade einmal 11 Lenze auf dem Buckel, die älteste Mitspielerin war dagegen schon … ein klein wenig älter.

„Spielend für Toleranz“ im Herbst in Oberzent

Natürlich sind solche Veranstaltungen, wie erfolgreich sie auch immer sind, nicht mit Spieletreffs in den großen Städten vergleichbar. Wollen sie aber auch gar nicht sein, denn auch kleine Veranstaltungen haben ihren Reiz. Ich kenne fast alle Besucher persönlich. Für die Spieleberatung reicht ein kurzer Blick. Zudem habe ich bei jedem Besuch das Gefühl, Freunde zu treffen: Fast nur bekannte Gesichter! Wer neu ist, wird schnell integriert. Hier spielt jeder mal mit jedem. Aus einigen dieser Veranstaltungen entwickelte sich mit der Zeit ein fester Pool an Mitspielern, die mehr wollen und auch wissen, worauf sie sich beim Testen mit mir einlassen.

Zurück zum Anfang: Dem Spielen auf dem Land. Ich will gar nicht ausschließen, dass es auf dem Land schwierig sein kann, Mitspieler zu finden. Einige der regelmäßigen Besucher unserer Runden berichteten davon, dass sie selbst Monate und Jahre nach passenden Möglichkeiten gesucht haben. Klar, in der Stadt ist das leichter, die Auswahl größer. Aber aus eigener Erfahrung kann ich all euch Landeiern dort draußen nur empfehlen: Versucht es einfach. Geht in Schulen, geht in Kindergärten, Bibliotheken und Jugendtreffs. Gründet eure eigenen Spieltreffs.

Die Menschen lieben es zu spielen, egal ob in der Stadt oder auf dem Land.

Tim Koch

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