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Spiel des Jahres 1991: drunter & drüber von Klaus Teuber

Spiel des Jahres 1991: Drunter & drüber von Klaus Teuber

Das Spiel handelt von einem Bauskandal in Schilda und der ortsüblichen Radikalität seiner Beseitigung. Nachdem die Bürger ihre durch selbst gelegtes Feuer eingeäscherte Stadt endlich wieder aufgebaut hatten, mussten sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass dabei niemand an Stadtmauern, Straßen und den Fluss gedacht hatte. Da half nur eines: Bautrupps aussenden, die beim Nachholen des Versäumten manches neue Bauwerk sogleich wieder einreißen mussten.
Jedem Teilnehmer wird einer von sechs Gebäudetypen geheim zugelost. Bei der anschließenden „Flurbereinigung“ gilt es, die eigenen Gebäude davor zu bewahren, von einem der eifrig ans Werk gehenden Bautrupps plattgemacht zu werden und deren Stoßrichtung vielmehr geschickt auf fremde Gebäude zu lenken. Gelingen kann dies freilich nur, wenn man die anderen im Unklaren lässt, für welchen Gebäudetyp man zuständig ist. Ein erfolgreicher Bluff macht es unabdingbar, bisweilen sogar selbst Hand an ein eigenes Häuschen zu legen, mag einem das Herz dabei auch noch so bluten. Viel schlimmer wäre es, enttarnt zu werden, weil dann die Trümmerbirne erbarmungslos angesetzt wird.
Etwas Schutz vor allzu hemmungslosem Kahlschlag gewähren die zum Glück reichlich vorhandenen Toilettenhäuschen. Bevor ein Bautrupp hier eine Schneise schlagen darf, müssen die Bürger dafür per Abstimmung grünes Licht gegeben haben. Bloß sind die Stimm-Kärtchen dummerweise irgendwann auch einmal verbraucht, und kann gerade das Abstimmungsverhalten verräterisch sein…

Die Gründe

Aufgrund der geheimen Eigentumsverhältnisse bleibt jede Partie bis zuletzt ungemein spannend. Alle bemühen sich nach Kräften, von ihren Besitztümern abzulenken und den ständig drohenden Schaden möglichst gering zu halten. Kleine Höhepunkte bilden immer wieder die Abstimmungen. Besonders hübsch ist die Idee einer Jein-Karte, die wie zwei Stimmen zählt und es erlaubt, sich erst festzulegen, nachdem die anderen Teilnehmer ihre Stimmkarten aufgedeckt haben. Das ebenso lustige wie kommunikative Geschehen spricht jede Altersstufe an, sodass DRUNTER & DRÜBER als generationsübergreifendes Familienspiel voll zu überzeugen vermag.
Obwohl nur sechs der neun Juroren DRUNTER & DRÜBER auf Platz 1 gesetzt haben, ist es mit doppelt so viel Punkten wie der Zweitplatzierte ins Ziel gegangen.

Der Autor

Nach BARBAROSSA UND DIE RÄTSELMEISTER (1988) und ADEL VERPFLICHTET (1990) hat sich Klaus Teuber innerhalb kürzester Zeit bereits zum dritten Mal die begehrte Auszeichnung sichern können. Dabei sollte sein größter Triumph mit DIE SIEDLER VON CATAN auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Dass es ihm auch gelungen ist, seine Gene als Spielautor erfolgreich an die nächste Generation weiterzugeben, zeigt sich daran, dass er in jüngster Zeit zwei Spiele zusammen mit seinem Sohn Benjamin zur Veröffentlichung gebracht hat.

Preisverleihung 1991, von links: Bernd Brunnhofer (Verlag Hans im Glück), Klaus Teuber (Autor), Franz Vohwinkel (Grafiker), Bernward Thole (Spiel des Jahres)

Der Verlag

Für den Münchener Verlag Hans im Glück und seinen Inhaber Bernd Brunnhofer war die Auszeichnung dagegen eine Premiere. Damals konnte niemand ahnen, dass noch eine ganze Reihe weiterer davon folgen sollten. Mit seinen wenigen Mitarbeitern zwar immer noch einer der Kleinen der Branche, hat sich der Verlag inzwischen fest etabliert. Sein Erfolg beruht auf einem guten Näschen für spielerisches Potential und intensiver redaktioneller Bearbeitung der eingereichten Prototypen. Hilfreich dabei ist ein ebenso engagiertes wie kompetentes Umfeld. Neben dem Massenmarkt bedient der Verlag auch anspruchsvolle Hobbyspieler. Eine seit vielen Jahren zur beiderseitigen Zufriedenheit funktionierende Vertriebspartnerschaft mit dem Berliner Verlag Schmidt Spiele erlaubt es, alle Kräfte darauf zu richten, neue Spiele zur Produktreife zu entwickeln.

Der Spielejahrgang

Die ergänzenden Empfehlungen der Jury umfassten wie im Vorjahr acht weitere Spiele von hohem Unterhaltungswert, die zusammen mit dem späteren Hauptpreisträger vorab auf einer Nominierungsliste in alphanumerischer Reihenfolge bekannt gegeben worden waren, und zwar:

Aus der Masse gängiger Quiz-Spiele ragt 20 QUESTIONS von A. Robert Moog und Scott A. Mednick (MB) heraus. Sein Geheimnis liegt in den pfiffig formulierten Hinweisen, mit deren Hilfe Personen, Orte, Dinge oder Jahreszahlen erraten werden sollen. Je schneller ein Teilnehmer die Lösung findet, desto weiter darf seine Spielfigur vorrücken. Dagegen bringt jeder Fehlversuch den Fragesteller voran. Es immer wieder verblüffend, welch karge Informationen ausreichen können, um zumindest einem der Rater ein Licht aufgehen zu lassen.

Wer in Tom Schoeps’ BAUERNSCHLAU (F.X. Schmid) am Schluss die wertvollste Schafherde auf seiner Weide grasen sehen möchte, muss über genau diese Eigenschaft verfügen. Dann kann er missgünstigen Konkurrenten, die ihm Schafe stibitzen wollen, gern auch einmal ein schwarzes unterjubeln, das Minuspunkte einbringt. Neben laufender Vergrößerung der Herde will das Weideland eingezäunt werden, um überhaupt in die Wertung zu kommen. Besonders schlau ist es natürlich, die Vollendung der Zäune seinen beiden Nachbarn zu überlassen.

Bestechung ist Trumpf bei CASABLANCA von Eric Solomon (Amigo). Acht Agenten schwärmen aus, um einen Koffer mit Geheimdokumenten in eines der vier Hauptquartiere zu schaffen. Gezogen werden darf jeder Agent von jedem Teilnehmer, es sei denn, ein Mitspieler, der ihn höher bestochen hat, legt sein Veto ein. Besonders schmerzlich, wenn ein Agent, den man gerade kräftig geschmiert hat, kurz darauf von einem seiner Kollegen ins Jenseits befördert wird. Es gewinnt nicht etwa, wer den Koffer ans Ziel gebracht hat, sondern selbstverständlich derjenige mit der höchsten Schmiergeldzahlung an den Kofferträger.

Fünf Jahre nach seinem Riesenerfolg mit DAS VERRÜCKTE LABYRINTH hat Max J. Kobbert DAS LABYRINTH DER MEISTER (Ravensburger) folgen lassen. Jetzt können nicht nur Familien mit kleineren Kindern ihre Figuren durch das Gewirr wandernder Gänge schicken, sondern dürfen sich auch Ältere herausgefordert fühlen. Wieder geht es darum, Zutaten für Rezepte zu sammeln, diese hier allerdings in fester Reihenfolge. Außerdem bekommt jeder geheim drei Ingredienzien zugelost, die reichlich Sonderpunkte bringen. Beste Gelegenheit, um seine Zauberstäbe einzusetzen, die Doppelzüge ermöglichen.

Bei FORMICA von Michael K. Lorrigan und Stephen Ray (Bandai Huki) gehen Ameisen auf die Jagd nach ihren Artgenossen. Ziel ist es, aus den Ausschnitten auf der Unterseite fremder Ameisensteine das Bild einer Königin zusammenzusetzen. Das Problem dabei ist, dass die Steine magnetisch sind, ohne dass sich erkennen lässt, ob sie sich anziehen oder abstoßen, sodass der Angreifer selbst zum Gefangenen werden kann. Ameisen, die mehrere Gefangene auf dem Weg in ihr Nest mit sich führen, sind natürlich selbst als Beute ganz besonders begehrt.

IM REICH DES WEISSEN BÄREN von Charles Larue (Schmidt Spiele) sind Augenmaß und eine ruhige Hand gefragt. Jeder muss mit seinem Trupp Inuit Fische aus einem Wasserloch vom anderen Ufer holen und dabei aufpassen, bloß nicht dem Bären auf einer Eisscholle zu begegnen. Neben einer Portion Würfelglück kommt es darauf an, die Eisschollen so geschickt zu verschieben, dass diese möglichst große Strecken zurücklegen, ohne gegen andere zu stoßen. Ein sehr originelles Element, das auch Raum für taktische Winkelzüge eröffnet.

Kris Burm stellt die beiden Kontrahenten mit seinem INVERS (Peri) vor die Aufgabe, ihre anfangs zu einem Schachbrettmuster ausgelegten Steine umzudrehen. Dazu lässt sich mithilfe eines zusätzlichen Steines jeweils eine ganze Reihe so verschieben, dass gegenüber ein anderer Stein herausfällt. Mit der Rückseite nach oben dient dieser dann im nächsten Zug seinerseits zum Schieben. Da umgedrehte Steine des Gegners nicht mehr hinausgeschoben werden dürfen, wird es immer schwieriger, an eigene zu kommen, ohne zugleich auch den Gegner zu begünstigen.

IRRGENDWIE (Pyramo) ist eine Sammlung von 56 Aufgaben, die sich Dieter Matthes und Silvia Heinz für Solospieler ausgedacht haben, eine schwieriger als die andere. Stets geht es darum, mit Spuren bedruckte Steine so zu arrangieren, dass sich daraus Fährten ergeben, die kreuz und quer über das Spielbrett verlaufen und sich dabei auch kreuzen können. Glücklich, wer irgendwie eine Lösung gefunden hat. Wer dagegen bisweilen verzweifelt, kann auch heute noch auf der Website des Verlags die Lösung nachschauen.

Sonderpreise
DAS LABYRINTH DER MEISTER hat es in der Gunst der Jury nicht bloß auf Platz 2 des Hauptpreises geschafft, sondern ist obendrein mit dem Sonderpreis Schönes Spiel ausgezeichnet worden. Das von Monika Broeske und Andreas Härlin mit Liebe zum Detail gezeichnete Cover lässt die reizvolle Spielmechanik bereits erkennen und zitiert fairerweise den Vorläufer auf dem Deckel eines Zauberbuchs, aus dem allerlei Getier hervorgekrochen kommt. Themengerecht illustriert sind auch Spielmaterial und Anleitung, was sehr zur Atmosphäre eines zünftigen Wettstreits unter Zauberern beiträgt.

In seinem mit dem Sonderpreis Kinderspiel bedachten CORSARO (Herder) schickt Wolfgang Kramer Bootsleute ab fünf Jahren auf eine Irrfahrt im Piratenmeer, die nur mit gegenseitiger Unterstützung für alle glücklich beendet werden kann. Während es einerseits gilt, sein eigenes Boot heil in den rettenden Hafen zu steuern, muss man andererseits alles vermeiden, damit nicht das Boot eines Mitspielers von einem der beiden Piratenschiffe gekapert wird. Da sich das Anforderungsprofil durch zusätzliche Boote und ein drittes Piratenschiff schrittweise verschärfen lässt, bleiben auch ältere Kinder von der Aufgabenstellung gefesselt. Die Familienversion erreicht schließlich einen solchen Schwierigkeitsgrad, dass sogar reine Erwachsenenrunden nicht selten daran scheitern.

Die weitere Entwicklung
DRUNTER & DRÜBER ist weiterhin im Programm des Herstellers, seit 1994 mit überarbeitetem Cover, das wie die Ursprungsversion aus der Feder von Franz Vohwinkel stammt. In den USA ist erstaunlicherweise erst 2010 bei Mayfair Games eine englische Ausgabe unter dem Titel WACKY WACKY WEST erschienen, wo die in den Abläufen unveränderte Geschichte nunmehr im Wilden Westen angesiedelt ist.

Jochen Corts (April 2016)