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„Mein Weg nach Catan“: Werkstattbesuch bei Teubers

Klaus Teuber„Die Siedler von Catan“, 1995 als Spiel des Jahres ausgezeichnet, ist ein Ausnahmespiel – aber ist Klaus Teuber auch ein Ausnahme-Spieleautor? Wenn es nach ihm geht: Nein. Jedenfalls umschifft er das Eigenlob in seiner Autobiographie „Mein Weg nach Catan“, die zum 25-jährigen Jubiläum des Spiels erscheint, recht geschickt. Selbstverständlich steckt viel harte Arbeit in „Catan“, ebenso wie in Teubers anderen, mittlerweile zu Klassikern gewordenen Spielen wie „Adel verpflichtet“, „Drunter & Drüber“, „Barbarossa und die Rätselmeister“ und vielen anderen. Allerdings, jedenfalls laut „Mein Weg nach Catan“, stecken mindestens eben soviel Glück und Zufall darin. Im Vorwort schreibt Teuber: „Eine Idee kommt nicht von heute auf morgen. Es gibt immer eine Vorgeschichte, die eine Erfindung bis zur Reife nährt. Auch ‚Catan‘ hat diese Vorgeschichte, die schon in meiner Kindheit begann. Eine Vorgeschichte, die mir heute wie ein großes Puzzle vorkommt. Einige Puzzleteile stehen für Wendungen und Zufälle in meinem Leben, die mir heute – mit Abstand betrachtet – wie das launige Werk des Schicksals erscheinen, das mich partout nicht von einem mir bestimmten Weg abkommen lassen wollte. Von einem Weg, den ich mir nicht ausgesucht hatte.“ Das Schicksal lässt Teuber in seiner Autobiographie – ein kleiner, spielerischer Kunstgriff – als einen „Berufswunsch-Geist“ auftreten, der ihm schon im Kindesalter im Traum erscheint und die Weichen für den doch ungewöhnlichen Beruf Spieleautor stellt. Es ist aber selbstverständlich an Teuber, die entsprechenden Wege dann auch zu gehen.

Fluchtpunkt Catan

So ist der Fluchtpunkt, auf den Teubers Lebenserzählung in „Mein Weg nach Catan“ zustrebt, ganz organisch das damals revolutionäre Brettspiel. Sei es das Schwänzen des Physikunterrichts zugunsten von Skatrunden mit den Freunden, seien es zufällige Begegnungen auf Spielemessen, sei es die Arbeit im Dentallabor des Vaters, die ihm handwerkliche Kenntnisse zur Herstellung von Spiele-Prototypen vermittelt. Gleichzeitig erlaubt Teuber der Kunstgriff mit dem „Berufswunsch-Geist“, tatsächlich auch nur diese Geschichten zu erzählen – der Weg nach „Catan“ eben, mit allen wichtigen Stationen. Privates kommt nur vor, wenn es mit dem Spiel zu tun hat. Dazu gibt es zahlreiche Fotos von Spielerunden mit der Familie und Weggefährten, von Protoypen und Entwürfen.

Werkstätten und Ideale

„Mein Weg nach Catan“ ist stellenweise etwas großväterlich erzählt – aber durchaus nicht unsympathisch. Vor allem aber ist das Buch ein langer Werkstattbesuch in der Werkstatt des Ausnahme-Spieleautors, von kindlichen Regelneuerfindungen für das Spiel „Römer gegen Karthager“ über die Hobby-Spielewerkstatt im Keller bis zum „Catan“-Familienunternehmen, in dem Teuber mit den Söhnen Guido und Benjamin Erweiterungen und neue Designs herausbringt und Lizenzen verhandelt. Allein dieser Weg ist eine spannende Lektüre, gerade auch, weil das Buch dabei versucht, einen Einblick in die alltägliche Arbeit eines Spieleautoren und – mit zunehmendem Bekanntheitsgrad – seiner Lernkurve zu bieten. Einblick gibt es aber auch in die Ideale, die Teubers Arbeit zugrunde liegen: „Beim gemeinsamen Spiel werden gesellschaftliche Schranken jeder Art überwunden. Wenn ein Großvater mit seiner Tochter und seiner Enkelin zusammensitzt und die Würfel rollen lässt, spielt das Alter keine Rolle. Jeder unterwirft sich den gleichen Regeln. Jeder hat die gleichen Chancen; Glück und Pech können jeden treffen, unabhängig von seinem Alter, seiner Abstammung oder seiner Bildung“, schreibt er.

Zeitgeschichtliche Dokumentation

Fast im Vorbeigehen leistet „Mein Weg nach Catan“ dabei allerdings noch etwas viel spannenderes: Es ist ein Porträt der deutschen Spieleszene, das ungefähr Ende der 70er Jahre beginnt und sich bis in die Gegenwart zieht – aufgeschrieben von einem, der in ihrem Zentrum dabei war. Anfangs fasst Teuber lapidar zusammen: „Es war gewiss nicht so, dass die Spielelandschaft Ende der 70er-Jahre einer Einöde geglichen hätte. Die jährlichen Neuerscheinungen im Familien- und besonders im Erwachsenenspiel waren aber sehr überschaubar. Ich schätze, es waren kaum mehr als 100. Heute, vierzig Jahre später, sieht es ganz anders aus. Eine Liste auf „Spielbox.de“, der Webseite eines Magazins für spielbegeisterte Menschen, zählte im Jahr 2018 über 600 neu erschienene Familien- und Erwachsenenspiele auf. Zusammen mit den Kinderspielen gab es nach dieser Liste 2018 fast 1000 Neuerscheinungen.“

Es ist diese Entwicklung, die im Laufe des Buches – neben dem der Entwicklung von „Catan“ – aufgefaltet wird. In Teubers Buch treten dabei die wichtigen Protagonisten der unterschiedlichen Zeiten auf, werden die wichtigen Spielemedien der Zeit genannt, Verflechtungen zwischen Personen, Verlagen und Zeitschriften aufgeführt, allerdings ohne dass das Buch dabei stumpf aus dem Nähkästchen plaudern würde. So dokumentiert „Mein Weg nach Catan“ nicht nur ein Spiel – das Buch ist eine, sicherlich nicht vollständige, zeitgeschichtliche Dokumentation der Biotope und der bundesrepublikanischen und internationalen Wirklichkeiten, in denen „Catan“, seine Vorläufer, seine zahlreichen Erweiterungen und Varianten bis heute wachsen und gedeihen konnten und können.

Jan Fischer

Klaus Teuber: Mein Weg nach Catan
LangenMüller + Kosmos, Stuttgart 2020
304 Seiten, 20 €

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