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Buchneuerscheinung: Zeit für Brettspiele

„Zeit für Brettspiele“ heißt ein großformatiges Buch von Jörn Morisse und dem Fotografen Felix Gebhard. 16 Gesprächsprotokolle und zahlreiche Bilder sorgen für einen umfassenden Einblick in unterschiedliche Tätigkeitsbereiche der Spieleszene. Auch Stefanie Marckwardt, die der Jury für das Kinderspiel des Jahres angehört, und Harald Schrapers, Vorsitzender des Vereins Spiel des Jahres, werden in dem im Ventil Verlag erschienenen Buch vorgestellt.

Preisverleihung in Berlin

Harald Schrapers mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Elisabeth Hargrave (Flügelschlag) und Bruno Sautter (Just One) auf der Bühne der Preisverleihung in Berlin (Foto: Felix Gebhard)

Brettspielen falle es nicht immer leicht, als ernstzunehmende Kulturform akzeptiert zu werden, stellt Harald Schrapers fest. „Sie werden oft dem Bereich Freizeit und Unterhaltung zugeordnet, gerade so als ob man einen Vergnügungspark besuchen würde. Es hat sich einfach noch nicht rumgesprochen, von welch hoher Qualität das Angebot ist, welche erzählerischen Möglichkeiten das Spiel hat und wie groß das Gemeinschaftserlebnis sein kann. Der Zenit ist noch lange nicht erreicht“, protokolliert Jörn Morisse, der zwei lange Gespräche mit dem Spiel-des-Jahres-Juror geführt hat. Die Jurytätigkeit sei ehrenamtlich, betont Schrapers. „Die Einnahmen des Vereins werden zur Förderung und Verbreitung des Brettspiels in der gesellschaftlichen Wahrnehmung verwendet. Dafür betreiben wir einen hohen Aufwand und stellen uns neben unserer beruflichen Tätigkeit dem Strom der Neuerscheinungen entgegen. Zum Glück muss man dadurch, dass die Jury aus zehn Personen besteht, nicht mehr alles selbst recherchieren.“ Die Jurymitglieder würden sich stetig darüber austauschen, wie einem insgesamt der Mechanismus eines Spiels gefallen hat, was es für Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zu anderen Spielen gibt, und ob sich ein Dauerspielreiz entwickelt. Persönliche Treffen seien jedoch selten, weil die Jurorinnen und Juroren über das ganze Land verteilt leben.

Marquardt in Falkensee

Stefanie Marckwardt in der Spiele-AG ihrer Grundschule (Foto: Felix Gebhardt)

Stefanie Marckwardt, die im brandenburgischen Falkensee als Grundschullehrerin arbeitet, sorgt dafür, dass die Schülerinnen und Schüler Brettspiele kennen. Das sei nicht selbstverständlich, sagt sie im Gespräch mit Morisse. „Es gibt ja Stimmen, die sagen, dass Spiele, in denen es darum geht, sich gegen andere durchzusetzen, schon fast zu ernsthaft sind für Kinder“, so Marckwardt. Wenn man ihnen das eigentlich Spielerische nahebringen möchte, sollen man darauf verzichten, Spiele mit starkem Konkurrenzkampf und hohem Ärgerpotenzial auswählen. „Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder in dem Alter viel zu sehr in der Thematik vertieft sind, um konfrontativ zu spielen.“ Sie würden sich mehr von der Geschichte faszinieren lassen, „Guck mal, jetzt kommt da der Drache“, und spinnen sie dann fantasievoll weiter. Mit ihrer Spiele-AG, die für ihre Jurytätigkeit für das Kinderspiel des Jahres aufschlussreich ist, bediene sie etwas, was im Stundenplan womöglich unterrepräsentiert ist: „Fantasie und Kreativität, Feinsinnigkeit und Sensibilität für die Dinge, die nur auf den zweiten Blick zu entdecken sind“, sagt Stefanie Marckwardt.

Michael Menzel, Illustrator und Autor von „Die Legenden von Andor“ (Kennerspiel des Jahres 2013), Autor Stefan Feld und Alea-Redakteur Stefan Brück, die unter anderem „Carpe Diem“ (Kennerspiel-Nominierungsliste 2019) geschaffen haben, Kosmos-Redakteur Ralph Querfurth, verantwortlich für die Reihe „Exit“ (Kennerspiel des Jahres 2017), sowie Spielwiese-Verleger Michael Schmidt, der unter anderem „Memoarrr“ (Spiel-des-Jahres-Empfehlungsliste 2018) herausgegeben hat, berichten in „Zeit für Brettspiele“ davon, wie Spiele entstehen. Auch Dominique Metzler, Chefin der Internationalen Spieltage in der Messe Esssen, und Karin Falkenberg, Leiterin des Deutschen Spielearchivs in Nürnberg, werden in Form von Gesprächsprotokollen portraitiert.

Jörn Morisse / Felix Gebhard: „Zeit für Brettspiele“, Ventil Verlag, Mainz 2019

Neuer Koordinator der Kinderspiel-Jury

Christoph Schlewinski ist seit Ende Oktober neuer Koordinator und zentraler Ansprechpartner für das „Kinderspiel des Jahres”. Schlewinski ist 46 Jahre alt und lebt in Köln. Er ist Drehbuchautor, Kabarettist und Spielekritiker.

Wieland Herold ist zum 31. Oktober aus dem Verein ausgeschieden

„Die Siedler von Catan“ war das erste Spiel des Jahres, über das Wieland Herold als Juror mitentschied. Jetzt wurde er mit riesigem Applaus auf dem „Spiel des Jahres“-Empfang am Rande der Essener Spieltage von mehr als 100 Autorinnen und Autoren, Verlagsrepräsentanten sowie Spielejournalistinnen und -journalisten verabschiedet. Auch auf seine Tätigkeit als beratendes Mitglied des Vereins „Spiel des Jahres“ verzichtet Wieland Herold, da zwei seiner Söhne nun einen Verlag gegründet und pünktlich zur SPIEL ’19 ihr erstes Spiel veröffentlicht haben.
In seinem Spielraumartikel „Von kleinen und großen Türmen“ blickt er auf 1995, sein erstes Juryjahr, zurück und bilanziert die Geschichte eines Vierteljahrhunderts.

Julia Zerlik: Erstes Juryjahr 2019

Auch Julia Zerlik blickt in einem Spielraumartikel auf ihr erstes Juryjahr zurück, es ist der „Just One“-Jahrgang. „Meine Stimme kann darüber entscheiden, ob ein Spiel gewinnt oder nicht“, wird ihr bei der entscheidenden Abstimmung in Berlin bewusst. „Was für eine Verantwortung.“ Julia Zerlik fragt sich, ob sie wirklich alles gespielt und nichts übersehen hat. Glücklicherweise ist sie nicht allein.

Förderprogramm: Spielen und Inklusion

Der Verein Spiel des Jahres fördert 2020 schwerpunktmäßig Projekte, die sich mit der Inklusion von Menschen mit Handicaps beschäftigen. Ein wichtiges Ziel ist dabei, Barrieren abzubauen, die die Teilhabe an spielerischen Erlebnissen erschweren. Vorhaben, die beispielsweise mit Mitteln der „leichten Sprache“ oder durch auditive Elemente Zugänge zu Brettspielen vereinfachen, können bezuschusst werden. Projekte, die die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung durch das Spiel befördern, werden ebenfalls unterstützt.

Antragsschluss für das im Februar ausgeschriebene Spiel-des-Jahres-Förderprogramm ist Samstag, der 30. November 2019. Das Formular steht auf der Homepage als Download bereit.

Tag der Brettspielkritik 2020

Mehr als 60 Spielejournalistinnen und -journalisten sowie Bloggerinnen und Blogger nahmen 2019 am „Tag der Brettspielkritik“ teil. Jetzt steht der Termin für die Fortsetzung fest: vom 12. bis 14. Juni 2020 wird in der Hamburger Jugendherberge „Horner Rennbahn“ die zweite Auflage stattfinden.

Spielend für Toleranz

Fast 100 dezentrale Veranstaltungen, die unter dem Motto „Spielend für Toleranz“ stattfanden, hat der Verein Spiel des Jahres bislang mit einem großen Spielepaket unterstützt. Da es noch weiße Flecken auf der Landkarte gibt, wird die Förderung fortgesetzt.
Dafür hat der Verein neue Spiele gekauft, die künftig im Paket enthalten sein werden: „Belratti“, „Concept Kids Tiere“, „Just One“, „Krasse Kacke“, „L.a.m.a.“ und „Tal der Wikinger“. Die Spiele „Drecksau“, „Funkelschatz“, „Icecool“, „Klask“, „Looping Louie“, „Memoarrr“, „Qwirkle“ und „The Mind“, die auch schon vorher im Paket waren, bleiben.

Broschüre „Ausgezeichnete Spiele 2019“

In einer handlichen Broschüre stellt die Jury Spiel des Jahres alle aktuell empfohlenen und ausgezeichneten Spiele vor. Hier findet jeder das passende Spiel je nach Alter, Spielerzahl oder Anspruch.
Das pdf steht auf der Homepage als Download bereit. Fachhändler und Veranstalter, die die kostenlose Broschüre verteilen möchten, wenden sich bitte an die Geschäftsstelle.

Das erste Jahr in der Jury

Ein gutes Jahr ist es jetzt her: Unmittelbar vor der Verleihung des Spiel des Jahrs 2018 fragt mich Harald Schrapers sinngemäß: „Julia, willst du gerne Jurymitglied werden?“ Für mich stand die Antwort sofort fest: Ja! Doch was bedeutet es eigentlich Jurymitglied zu sein? Welche Aufgaben und Pflichten kommen auf einen zu? Wie viel Arbeit steckt dahinter? Das alles sollte ich nun im Jahrgang 2018/19 erfahren.

(Ein)Blick hinter die Kulissen

Nach mehr als 365 Tagen in der Jury kann ich die Frage nach der Arbeit klar beantworten: Es ist fast ein zweiter Vollzeitjob. Ich habe mehr als 300 Spiele gespielt. Und diese nicht nur einmal. Das bedeutet fast jeden Tag mit Verlagen in Kontakt zu treten, fast jeden Tag Spiele auszupöppeln, fast jeden Tag Anleitungen zu lesen, fast jeden Tag zu spielen. Zugegeben, das letztere macht natürlich in der Regel am meisten Spaß. Und dann berichte ich natürlich noch über die Erfahrungen, die ich mit diesen Spielen gemacht habe. Nicht nur in Videoform, sondern auch intern mit den Jurykolleg*innen. Kommunikation innerhalb der Jury wird groß geschrieben, damit wir das ganze Jahr lang den Überblick behalten, welche Spiele auf den Markt gekommen sind, wie diese bei den verschiedensten Testrunden ankamen und welche Spiele gerade Favoriten sind. Ich halte meine Meinungen im internen Jury-Forum fest und pflege regelmäßig meine Topliste.

Spiele

Juryarbeit: Fast jeden Tag auspöppeln, Anleitungen lesen und spielen

Die Jury kommuniziert aber nicht nur online. Wir treffen uns mehrfach das ganze Jahr über. Auf der SPIEL in Essen startet der Jahrgang so richtig durch, dort treffen wir uns zur ersten Vollversammlung und veranstalten den „Spiel des Jahres“-Spieleabend. Jede Menge Neuheiten prasseln auf einen ein. Im Januar nutzen wir ein ganzes Wochenende zum Jurytreff, um gemeinsam die aktuellen Titel zu spielen. Dann kommt schon die Spielwarenmesse in Nürnberg – wieder mit Vollversammlung und einigen Abendveranstaltungen.

Zum Mai hin wird es dann richtig spannend. Ich muss die erste Entscheidung mittragen: Welche Spiele empfehlen und welche nominieren wir? Ein langes und anstrengendes Wochenende mit vielen Diskussionen steht an. Ein kompletter Tag wird genutzt, um die Spiele zu besprechen. Nachdem wir eine Nacht drüber geschlafen haben, geht es weiter. Die Entscheidung machen wir uns auf keinen Fall leicht. Nach vielen Stunden stehen unsere Listen. Noch am selben Wochenende gibt es eine weitere Vollversammlung und den Videodreh, bei dem die schönen Videos über die nominierten Spiele entstehen. Dann noch ein Fotoshooting für Gruppen- und Einzelfotos: Bitte lächeln! Ein erfolgreiches Wochenende ist geschafft.

Zum Durchatmen bleibt nicht viel Zeit, bereits im Juni wird das Kinderspiel des Jahres in Hamburg verliehen, in diesem Jahr verbunden mit dem Tag der Brettspielkritik.

Preisverleihung

Juli: Berlin ruft zum Höhepunkt des Jahres: Die Verleihung des Spiel des Jahres und Kennerspiel des Jahres. Gefühlt ist niemand aufgeregter als ich – wobei wohl ziemlich jeder Anwesende aufgeregt sein muss. Doch bevor das Tuch gelupft werden kann, sitzen wir wieder bei einer Vollversammlung zusammen. Denn wir wählen jetzt das Spiel des Jahres und das Kennerspiel des Jahres. Ich muss wählen! Und meine Stimme kann darüber entscheiden, ob ein Spiel gewinnt oder nicht. Ob ein Autor und ein Verlag ins Rampenlicht kommen, die Spiele national und international einen Boom erleben. Was für eine Verantwortung! Ich fange an, mich zu hinterfragen. Hab ich wirklich alles gut getestet? Hab ich irgendwas übersehen? Aber ich bin Gott sei Dank nicht alleine damit. Neun anderen Menschen am Tisch geht es genauso. Die Wahl ist geheim. Auch wir wissen bis zur Bekanntgabe auf der Bühne nicht, welche Titel es geschafft haben.

Preisverleihung

In der ersten Reihe: Preisverleihung in Berlin

In Berlin vergeht die Zeit rasend, und auf einmal fallen die Tücher: Applaus und Jubel, Freude und Luftsprünge – all das passiert in Sekunden und zeigt mir, dass sich die harte Arbeit das ganze Jahr über gelohnt hat. Es kann nie allen recht gemacht werden und jedes Jahr gibt es auch kritische Stimmen über die Gewinnerspiele. Aber es ist schön zu wissen, dass der Kritikerpreis „Spiel des Jahres“ in den letzten 40 Jahren nicht an Bedeutung verloren hat und die ganze Spieleszene über ihn diskutiert.

Just One

Julia Zerlik spielt mit dem Jury-Vorsitzenden Harald Schrapers, Spieleautor Bruno Sautter, Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Jury-Geschäftsführer Guido Heinecke eine Partie Just One

Oft werde ich gefragt, warum ich mir diese ganze Arbeit freiwillig und ehrenamtlich antue. Die Antwort ist ganz klar: Spielen ist ein wundervolles und menschenverbindendes Hobby. Habe ich manchmal keine Lust mehr so viel zu spielen? Nein! Ich bin auch nach einem so intensiven Spielejahr immer noch Feuer und Flamme und bin auf die kommenden Neuheiten gespannt. Die Verlage sind 2019 früh dran, der Jahrgang hat bereits gestartet, die Regale sind schon wieder gut gefüllt: Lasst die Spiele beginnen!

Julia Zerlik

Von kleinen und großen Türmen

Siedler und andere Spiele

„Die Jury hat vor, dich zusammen mit Helmut Wresnik in ihren Kreis aufzunehmen. Kannst du dir vorstellen, dich dieser Aufgabe zu stellen?“ Diese Frage stellte Ende Mai 1994 der leider viel zu früh verstorbene Hans-Christian Winters, der damals Mitglied im Vorstand der Jury „Spiel des Jahres“ war. Vor 25 Jahren musste ich nicht lange über meiner Antwort grübeln. Ich bin sicher, heute würde ich mir Bedenkzeit erbitten.

Blick zurück in mein erstes Juryjahr

Mitte der 90er Jahre konnte die spielbox mit nur sechs Heften im Jahr ziemlich vollständig auf alle relevanten und auch eine Reihe der weniger wichtigen Spiele eingehen. Als Juror hatte man etwa 60 bis 80 Spiele in den Blick zu nehmen und behielt damit das gesamte Spektrum vom Kinderspiel bis zum Expertenspiel im Blick, wobei anspruchsvollere Spiele sehr rar waren. Da es in dieser Phase nur den Hautpreis Spiel des Jahres gab, deckte die Jury mit einer Flut von Sonderpreisen viele Bereiche ab. Der Sonderpreis Schönes Spiel existierte von 1979 bis 1997, ab 1989 wurde der Sonderpreis Kinderspiel verliehen, der dann 2001 durch das Kinderspiel das Jahres abgelöst wurde, das damit gleichberechtigt neben dem Spiel des Jahres mit Empfehlungen und Nominierungen vergeben wurde. In meinem ersten Wahljahr 1995 gab es einen Sonderpreis „Puzzle“, in den Folgejahren standen Geschicklichkeitsspiele wie „Carabande“ und „Husarengolf“ im Fokus. Spätere Akzentsetzungen wie die Sonderpreise „Komplexes Spiel“ für „Agricola“ und „Caylus“, „Neue Spielwelten“ für „Space Alert“ und – der Gipfel unserer Kreativität – der Sonderpreis „Spiel des Jahres plus“ für „Die Tore der Welt“ bereiteten die Einführung des Kennerspiel des Jahres im Jahr 2011 vor.

Obwohl in den 90er Jahren jeder Juror das gesamte Spielespektrum zu sichten hatte, war diese Aufgabe mit entsprechenden Spielgruppen im Rücken gut zu schaffen. Der Spieleturm, der in einem Jahr abzubauen war, besaß eine überschaubare Höhe von vier Metern. Umgerechnet ergibt das für die heutigen Anforderungen mit über 400 Spielen im Kinder-, Familien- und Kennerbereich einen Turm in Hochhaushöhe mit acht Stockwerken. Was früher kurzweiliges Vergnügen war, kann in Zeiten von Legacy-Spielen und langfristig angelegten Kriminalfällen ein Vielfaches an abendlichen Stunden kosten. Spaß macht es zwar immer noch, aber der zeitliche Aufwand ist inzwischen etwa viermal so hoch wie in den 90er Jahren.

Turmvergleich 1995 – 2019 (Ausschnitt)

Im Jahr meiner Aufnahme in die Jury „Spiel des Jahres“ hatte Synes Ernst den Vorsitz von Bernward Thole übernommen, der den Verein seit Beginn leitete. Dem Schweizer Journalisten Ernst waren neue Visionen für die Jahrtausendwende wichtig. Juryintern richtete er eine Arbeitsgruppe „Jury 2000“ ein, an der ich beteiligt war, die Weichenstellungen für neue Strukturen, wie den eigenständigen Preis für die Kinderspiele, und Veränderungen bei der Preisvergabe in Richtung Oscar-Verleihung vornahm. In Göttingen appellierte er während des Autorentreffens 1995 an die Spieleautoren und Redakteure: „Fordert uns Spieler heraus! Mutet uns mehr zu!“

Synes Ernst (rechts) forderte in Göttingen 1995: „Mutet uns mehr zu!“

Anlass für seine Rede in der Stadthalle Göttingen war die Präsentation der Nominierungsliste für das Spiel des Jahres 1995. In dieser Zeit galten noch alle Spiele auf der Liste als nominiert, nach der Preisverleihung landeten sie erst auf der Empfehlungsliste. Viele interpretierten damals den Appell des Vorsitzenden der Jury, dass nicht die hoch gehandelten Spiele „Linie 1“, „Medici“ oder „Die Maulwurf-Company“ Spiel des Jahres werden würde, sondern das herausforderndere „Die Siedler von Catan“. In manchen Diskussionen in diesem Zeit traute man der Jury die Entscheidung für „Catan“ nicht unbedingt zu. Viele hielten Teubers Spiel für zu anspruchsvoll für ein Spiel des Jahres; dem allerdings zugutekam, dass der Verlag seine Regel auf einer schachtelgroßen Seite unterbringen konnte. Im Juli wurde dann auf einer Pressekonferenz in Berlin der Schleier gelüftet und das „Jahrhundertspiel“ von Klaus Teuber als Spiel des Jahres präsentiert. Harald Hemmerlein kommentierte im Editorial der spielbox, es gebe Stimmen, die behaupten, dass die Jury mit dieser Entscheidung am breiten Publikumsgeschmack vorbeiziele. Man sagte den „Siedlern“ ein ähnliches Schicksal wie „Um Reifenbreite“ voraus, das auch nicht die Stückzahlen erreicht habe, für die gewöhnlicherweise ein Spiel des Jahres gut sei.

Die Skeptiker sollten sich irren. Das deutsche Publikum ließ sich gerne zu neuen Ufern mitnehmen, der weltweite Erfolg der German Games begann auf Hex-Plättchen, die den Bau von immer wieder neuen Spielplänen für Siedlungen, Städten und Straßen ermöglichten. Ein „Catan“-Universum startete 1995 von der kleinen hessischen Gemeinde Roßdorf aus, wo Klaus Teuber als Zahntechnikermeister ein Dentallabor leitete. Vier Jahr später war Teuber neben Wolfgang Kramer der zweite deutsche Autor, der hauptberuflich von seinen kreativen Spielentwürfen leben konnte.

Klaus Teuber lud dazu ein, Catan zu besiedeln.

Dass nicht einmal der Verlag hundertprozentig vom Erfolg des Spiels überzeugt war, zeigte sich an der Preisverleihung, die im Rahmen eines Spielefestes im September in Frankfurt statt. Anstatt auf die Strahlkraft der „Catan“-Sonne zu setzten, lud Kosmos unnötigerweise den Satiriker Ephraim Kishon als Stargast ein, der mehr sich und ein neues Buch als das Spiel promotete. Immerhin taucht er dann vier Jahr später, unterstützt durch Jürgen Grunau, als Spielautor des Stuttgarter Verlags im „Blaumilchkanal“ auf – und schnell wieder unter.

Die klägliche und für dieses Ausnahmespiel unwürdige Frankfurter Veranstaltung führte zu deutlichen Veränderungen der Planungen der Jury. Die Konsequenzen, die der Verein zog, prägen noch heute die Form der Preisverleihung, die nicht mehr getrennt durchgeführt wurden, sondern ab 1996 kompakt an einem Tag im Juli in Berlin stattfand.

Mit dem Votum für „Catan“ in die verantwortliche Tätigkeit eines Jurymitglieds starten zu dürfen, war ein Geschenk. Die „Mutet uns mehr zu“-Aufforderung unseres Vorsitzenden nahmen die meisten von uns gerne an, waren wir doch alle begeisterte Spieler. Nur so ist das Votum ein Jahr später für das noch anspruchsvollere „El Grande“ zu erklären. Ein komplexes Kennerspiel, das zudem mit einem Preis von 80 DM nicht unbedingt familien-, dafür aber spielertauglich war.

Nach 25 Entscheidungen von „Catan“ bis zu „Just One“ ziehe ich mich aus der Jury zurück. In Anbetracht der Hochhäuser, die es inzwischen zu bespielen gilt, fällt mir diese Entscheidung nicht allzu schwer. Ab sofort muss ich nicht mehr alle relevanten Spiele spielen, ich darf es aber immer noch, bewege mich aber in Zukunft numerisch eher auf dem Niveau der 90er Jahre, wenn ich weiterhin mit 80 Spielen durch das Jahr wandere.

Wieland Herold

Kulturkritik und Feuilleton

Gohlisch

Tag der Brettspielkritik · Teil 1


Mehr als 60 Spielejournalistinnen und -journalisten sowie Bloggerinnen und Blogger kamen, als der Verein Spiel des Jahres zum Tag der Brettspielkritik 2019 nach Hamburg einlud. „Leider erfahren wir in vielen Texten über Spiele wenig darüber, was sie mit uns machen“, sagte Stefan Gohlisch in der Eröffnungsrede und beschrieb damit einen roten Faden, der sich durch die Workshops und Diskussionsrunden der Veranstaltung zog.

Gohlisch

Stefan Gohlisch, Kulturredakteur bei der Neuen Presse

„Wir schreiben Rezensionen, die sich auf die Nacherzählung der Regeln beschränken“, beklagte Gohlisch, Mitglied der Jury Spiel des Jahres. „Wir schauen Menschen beim Unboxing zu und diskutieren über Kartenglück und Mechanismen. Aber darüber, was die Spieler fühlen, erfahren wir nur wenig.“ Spielekritiken, die wirklich spielerisch sind, über man lachen kann oder die uns anrühren, seien selten. Der Kulturredakteur der Hannoveraner Neuen Presse fragte, warum zu oft nüchterne Erklärungen geliefert und zu selten die Beschreibungen von Emotionen.

„Dabei bieten moderne Spiele doch so viel Potenzial für spannende und unterhaltsame Rezensionen. Ein ‚Pandemic Legacy‘ hat mindestens so viel erzählerische Tiefe wie die akut angesagte Fernsehserie. Ein ‚Les Poilus‘ berührt uns wie ein Roman, den wir auch nach der letzten Seite einfach nicht zuklappen wollen“, stellte Stefan Gohlisch fest. „Warum bewerten wir Spiele wie diese oft nur nach ihrem Regelgerüst und nicht nach dem, was wir dabei erleben?“

Jugendherberge

Am Tagungsort in der Jugendherberge Horner Rennbahn

Spiele zu erfahren, sei etwas Elementares. „Wir wissen, wenn sie uns Freude bereiten, wenn sie uns frustrieren, wenn sie uns einzigartige Erlebnisse bescheren. Lasst uns Worte dafür finden! Lasst uns andere Menschen begeistern, ihnen das Gefühl geben, dass sie etwas verpassen, wenn sie nicht spielen! Lasst uns stolz sein auf das, was wir tun!“, appellierte Gohlisch an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Tags der Brettspielkritik. „Bleibt kritisch! Und spielerisch!“

Text: Tim Koch, Fotos: Harald Schrapers, Video: Stephan Zerlik

Teil 2 | Sechs Workshops ➜

Sechs Workshops

Workshops

Tag der Brettspielkritik · Teil 2


Sehr lebendig waren die Diskussionen in den Workshops, die auf dem Tag der Brettspielkritik auch für Bewegung sorgten. Denn im 30-Minuten-Takt durften die Teilnehmenden den Workshop und damit dem Raum wechseln, um eine große Bandbreite an Themen in recht kleinen Gruppen zu besprechen. In der nach den Workshops stattfindenden und von Wieland Herold moderierten Diskussionsrunde wurde die Quintessenz der Workshops präsentiert, da alle Teilnehmenden nur jeweils die Hälfte der Workshops erlebt hatten.

Diskussion

Harald Schrapers, Guido Heinecke, Katrin Reil, Wieland Herold, Andreas Becker, Manuel Fritsch und Stefan Gohlisch

Herold wies dabei darauf hin, dass der Verein Spiel des Jahres bereits 1992 eine ähnliche Veranstaltung durchgeführt habe, und zwar in Marburg. Vieles, das damals diskutiert worden sei, erinnere ihn an die Debatten von heute. Allerdings habe man damals „adressatenbezogener“ diskutiert und die Wirkung von Spielekritik auf Publikum, Autoren und Verlage in den Blick genommen. „In unserer Zeit spielen mediale Kanäle eine ganz andere Rolle, als das damals der Fall war“, sagte Wieland Herold, bevor Andreas Becker, Stefan Gohlisch, Manuel Fritsch, Katrin Reil, Harald Schrapers und Guido Heinecke die Themen der von ihnen geleiteten Workshops präsentierten.

Kritische Rezensionen, lobende Spieletipps – wo sind die Grenzen einer sachkundigen und unabhängigen Spielekritik?
Andreas Becker (Weser-Kurier):„Wichtig für einen Spielerezensenten ist es, sich mit einer eigenen Haltung zu positionieren, um dadurch persönliche Relevanz zu erhalten. Das funktioniert nur dann, wenn man nicht nur lobt, sondern auch abgrenzt. Eine positive Kritik darf dabei weder zu einer ultimativen Lobhudelei ohne kritische Distanz werden noch zu einer Schmähkritik mit persönlichen Beleidigungen verkommen. Dazwischen ist ein riesiges Feld, in dem sich der Kritiker in der Form eines Kommentars austoben kann. Wer indes auf kritische Betrachtungen verzichtet, erweckt beim Leser den Eindruck, verlängerter Arm der PR-Abteilung zu sein. Um kritische Punkte in seinen Rezensionen herauszuarbeiten, hilft es, gedanklich aus der Szene herauszutreten, um die nötige Distanz zu entwickeln. Diese braucht es, um mehr zu schreiben als einen Spieletipp ohne Tiefgang, der dann eher mit einem Warentest vergleichbar ist. Wichtig für eine geschriebene Rezension sind eine Interpretation und damit eine Einordnung, ein erzählender Teil sowie eine Wertung. Letztlich muss sich der Kritiker durch seine Texte einen Status erarbeiten, der Leser nicht auf die Idee bringt, dass das Erhalt eines Rezensionsexemplars die Meinung beeinflusst haben könnte.“

Was kann die Spielekritik von der Theater-, Film- und Buchkritik lernen?
„Geschmack ist nicht subjektiv“ – mit diesem Zitat startete Stefan Gohlisch (Neue Presse, Spiel des Jahres) in den Workshop. Wie ist das zu verstehen? „Geschmacksurteile speisen sich idealerweise aus Sachkenntnis, Wissen und Erfahrung. Das sollte über jeder Form von Kulturkritik stehen. Vor diesem Hintergrund ist eine reine Produktinformation kein Alleinstellungsmerkmal. Letzteres scheint in der Medienlandschaft aber immer wichtiger zu werden. Deshalb muss eine Rezensent ein eigenes Profil schärfen. Wie kriege ich ein eigenes Profil? Durch Vorauswahl, Kompetenz und Stil. Es hilft, Schemata aufzubrechen. Außergewöhnliche Geschichten für außergewöhnliche Spiele zu erzählen. Mehr Emotion und weniger Regel. Wenn es sich anbietet, sollte der Rezensent die Realität einbeziehen. Dafür muss der Autor auch mal seine Komfortzone verlassen und beim Textaufbau nicht immer wieder dieselben Mechanismen nutzen. Am Ende bleiben zwei zentrale Fragen: Wen möchte ich überhaupt ansprechen? Wer will ich als Kritiker sein? Diese Fragen muss jeder für sich beantworten.“

Ist die Berichterstattung über digitale Spiele ein Vorbild?
Manuel Fritsch (Insert Moin): „Die Spielekritik für Videospiele ist deutlich professioneller und breiter aufgestellt als die für analoge Spiele. Bei Letzterer ist dafür der Amateurbereich deutlich größer. In der Videospielszene gibt es mehr Spezialisten unter den Kritikern. Etwa für Strategiespiele. Ließe sich das nicht auch in der Brettspielszene durchsetzen, sodass sich nicht immer alle auf alle Spiele stürzen? Kritiker von analogen Spielen sollten ihr Profil schärfen, kreativer und experimenteller arbeiten. Zum Beispiel Mechanismen, Emotionen und Erfahrungswerte in einem ungewöhnlichen Reviewformat beschreiben. Im Vergleich zu Videospielen ist das zwar schwieriger, weil viele Brettspiele – auch wenn es im Kommen ist – wenig Geschichte erzählen. Aber es ist schon jetzt möglich, die beim Spielen erlebte Geschichte zu erzählen. Wie habe ich mit den Mitspielern interagiert? Die Beschreibung, dass in einer Partie die Allianz mit meinem Partner auseinander gebrochen ist, vermittelt mehr vom Spiel als die Tatsache, dass man zwei Karten ziehen kann. Was noch auffällt: Durch die Professionalisierung in der Videospielszene gibt es eine klare Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung. In der Brettspielszene vermischt sich das häufiger, wodurch viele Interessenskonflikte entstehen.“

Spielen ist Männersache?! Spielekritik und Geschlechterrollen
Katrin Reil (Spielbox, Spiel doch!): „Was, wie und und wo spielen Frauen? Es gibt zu wenig Studien, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Die Datenlage ist unzureichend. Klar ist: Frauen spielen definitiv Spiele, sie kaufen auch Spiele. Was fehlt ist die Sichtbarkeit von Frauen als Macher von Spielen. Sie sind zwar Mitspieler, werden aber selten Macher, seltener Autorinnen oder Redakteurinnen. Und beim Tag der Brettspielkritik sind auch weniger Frauen als Männer da. Woran liegt das? Zeit scheint ein wesentlicher Faktor zu sein. Vielleicht investieren Frauen ihre Freizeit lieber in andere Dinge. Zweiter Faktor: Trauen sich Frauen nicht, einen Podcast zu starten oder einen Blog zu schreiben? Im Internet geht es etwas rau zu, was nicht unbedingt einladend wirkt. Da schreibe ich als Frau einen Beitrag und habe dann 200 Trolle am Hals. These: Zeit und Selbstvertrauen sind die beiden Punkte, die Frauen daran hindern, sich stärker als über ein gelegentliches Spiel hinaus zu engagieren. Was kann man tun, um Frauen sichtbarer zu machen? Einladen, auffordern, anregen! Ladet Frauen ein, Gastbeiträge beizusteuern. Ermutigt sie! Kritisiert die immer stärkere Pinkifizierung in der Spielwarenbranche, um die dadurch entstehende ,Ich trau mich nicht‘-Haltung bei Mädchen zu durchbrechen. Kinder brauchen nicht das unbedingt das Prinzessinnenspiel oder das mutige Ritterspiel, sondern Spiele mit neutralen Themen, die alle ansprechen.“

Familien- und Kinderspiele – wie kann ich als Kritiker die Sicht der Kinder einbeziehen?
Harald Schrapers (Spielbox, Games we play, Spiel des Jahres): „Beim Spielen in der Familie saß vor 40 Jahren noch mindestens ein Kind am Tisch, mittlerweile mussten wir wegen sinkender Geburtenraten lernen, angebliche Familienspiele ohne Familie zu spielen. Hingegen sind Kinderspiele in aller erster Linie Familienspiele. Sie sind dazu da, dass sich Kinder und Eltern oder Erzieher gemeinsam an den Tisch setzen, um das Spiel gemeinsam zu erleben. Brettspiele sind nicht dafür gedacht, dass sich Kinder mit ihnen allein beschäftigen und die Erwachsenen währenddessen in Ruhe lassen, auch wenn Eltern und Erzieher nach solchen Spielen fragen. Spiele, die nach sieben oder zehn Runden von Kindern alleine bewältigt werden können, die gibt es natürlich auch. Aber Kinderspiele sind nicht in erster Linie dazu da, dass sich Kinder damit alleine beschäftigen. Dazu ist das freie Spiel wesentlich besser geeignet. Das Merkmal von Brettspielen ist, dass die Kinder eine Einführung erhalten in regelkonformes Spielen. Für den Kritiker ist das eh klar: Man kann ein Spiel nur bewerten, wenn man es anhand der abgedruckten Regel spielt. Dabei lege ich an das Kinderspiel den gleichen Qualitätsmaßstab an wie an das Erwachsenenspiel. Wie kriege ich raus, ob es den Kindern gefällt? Nein, ich frage die Kinder nicht, wie es ihnen gefallen hat. Wichtig ist, die Kinder zu beobachten. Ist ihnen langweilig? Macht es ihnen Spaß? An welcher Stelle löst das Spiel Emotionen aus? Wichtig als Rückmeldung ist die Antwort auf die Frage, ob ich das Spiel in der nächsten Woche wieder in die Kita oder die Schule mitbringen soll. Denn ich von Kindern nicht mehr als ein Ja oder Nein verlangen. Pädagogische Grundkenntnisse helfen bei der Beurteilung von Spielen, dürfen aber keine Betriebsblindheit erzeugen. Denn Spiele sind keine Lernspiele. Beim Spielen geht es alleins ums Spielen; dabei lernen Kinder schon genug. Die wichtigste Eigenschaft eines Kritikers ist aber: Er muss selbst begeisterter Spieler sein. Nur dann kann er emphatisch sein und sich in die Kinder hineinversetzen.“

Wie sieht der New Boardgame Journalism aus?
Guido Heinecke (ehem. Tric Trac, Spiel doch!, Spiel des Jahres): „Der New Boardgame Journalism, so wie ich ihn verstehe, fordert das Produzieren von Beiträgen, in denen es über die Gefühle beim Spielen geht. Denn die klassische Rezension ist langweilig. Einleitung, Regelparaphrase und Fazit – das ist einfach, verbraucht aber viel Energie, die am Ende vom Leser wahrscheinlich nicht honoriert wird, weil er direkt zum Fazit springt. Die Literatur- und Kunstkritik beispielsweise hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk in Zusammenhang mit dem Leser oder Betrachter zu setzen. Warum soll das nicht in der Spielekritik möglich sein. Das Spiel braucht uns, um eine Wirkung zu erzeugen. Die Selbstbetrachtung während des Spielens ermöglicht uns das Erzählen von Gefühlen. Was passiert im Spiel mit mir? Was macht das Spiel mit mir? Viele Spiele haben einen Kern, den man umso besser erkennt, wenn man den Stein des Mechanismus wegschiebt. Gerade für Vielspieler muss man die Regeln nicht wiederholen. Versucht, anders über Spiele zu erzählen! Wagt es, gewohnte Pfade zu verlassen! Probiert Neues! Versucht Spiele über einzelne Punkte, nicht im Gesamten zu präsentieren! Ihr könnt nichts falsch machen.“

Text: Karsten Grosser, Video: Stephan Zerlik

Materialien und Handouts:

Teil 3 | Spielekritik in der Praxis ➜

Spielekritik in der Praxis

Arbeitsgruppen

Tag der Brettspielkritik · Teil 3

Auch um die „Praxis“ ging es beim Tag der Brettspielkritik in der Hamburger Jugendherberge. In Arbeitsgruppen wurde darüber nicht nur gesprochen, sondern es ging um konkrete Beispiele und Handlungsmöglichkeiten.

„Wie bespricht man ein Spiel in einem Podcast?“, lautete die Fragestellung der AG, die von Christian Graeff und Nico Wagner (Brettagogen-Podcast) geleitet wurde. „Wie ausführlich erklärt man die Regeln? Und mit wie vielen Personen podcastet man am besten?“ Zum Abschluss hatten die Teilnehmenden die Chance genutzt, einen Mini-Podcast aufnehmen und diesen anschließend besprechen.

In der Arbeitsgruppe von Julia Zerlik und Stephan Zerlik (Spiel doch mal …!) ging es darum, herausfinden, was eine gute Videorezension ausmacht – sowohl auf technischer, als auch auf inhaltlicher Ebene. Dort wurde ein Blick auf bestehende Videorezensionen geworfen. Anschließend ging es darum, Verbesserungsmöglichkeiten zu erarbeiten und zu überprüfen, welches Ziel mit der jeweiligen Rezension verfolgt wird.



Für die „geschriebene“ Spielekritik gab es drei parallele Arbeitsgruppen mit leicht unterschiedlichen Akzenten. Das wurde auch in der von Karsten Grosser (NOZ) moderierten Podiumsdiskussion deutlich. Hier berichteten die Chefredakteure Udo Bartsch (Spiel doch!), Wolfgang Friebe (Fairplay) und Matthias Hardel (spielbox), was sie von einer guten Rezension erwarten. „Es geht nicht darum, dem Spiel gerecht zu werden, sondern einen Eindruck zu vermitteln, wie sich spielt, was es leistet was es kann“, unterstrich Udo Bartsch. „Klare Meinung statt 1000 Worte“, sagte Wolfgang Friebe, „man muss präzise auf den Punkt kommen“. Eine Meinung sei umso klarer, je kürzer sie gefasst ist. Matthias Hardel sagte, dass Spielekritiken auf den ersten Metern fesseln müssten „und dann den Leser durch einen narrativen Sog durch den Text ziehen“.

Diskussionsrunde

Wolfgang Friebe, Udo Bartsch, Karsten Grosser und Matthias Hardel

Die Chefredakteure der Brettspiel-Printmedien auf dem Podium

Die Chefredakteure der Brettspiel-Printmedien auf dem Podium

Text und Fotos: Harald Schrapers, Video: Stephan Zerlik

Teil 4 | Brettspiel und Kulturkritik ➜

Brettspiel und Kulturkritik

Schlussdiskussion

Tag der Brettspielkritik · Teil 4


„Spiele sind ein Kulturgut“, betitelte Guido Heinecke die Abschlussdiskussion am Tag der Brettspielkritik. „Besitzen Spiele eine gesellschaftliche Relevanz, nehmen sie an gesellschaftlichen Debatten teil, bilden sie Dinge aus unserem Alltag ab?“, fragte der Spiel-des-Jahres-Geschäftsführer. Der Konstanzer Kulturwissenschaftler Steffen Bogen fand darauf eine einfache Antwort: „Wenn Menschen zusammensitzen und spielen, was soll das anders sein als Kultur?“

Synes Ernst (ehemaliger Spiel-des-Jahres-Vorsitzender) und Manuel Fritsch (Podcast Insert Moin)

Synes Ernst (ehemaliger Spiel-des-Jahres-Vorsitzender) und Manuel Fritsch (Podcast Insert Moin)

Guido Heinecke (Spiel-des-Jahres-Geschäftsführer) und Nicola Balkenhol (Deutschlandfunk)

Guido Heinecke (Spiel-des-Jahres-Geschäftsführer) und Nicola Balkenhol (Deutschlandfunk)

Rechts: Steffen Bogen (Professor für Kunstgeschichte an der Universität Konstanz)

Rechts: Steffen Bogen (Professor für Kunstgeschichte an der Universität Konstanz)

Nicola Balkenhol zeigte sich von der Diskussion um das „Kultur-Gut“ genervt. „Das kommt immer so hochkulturell daher.“ Das Spiel ziehe eine Form von Kommunikation nach sich, die kulturell gemäßigt ist und sozialen unausgesprochenen Absprachen folgt, sagte die Leiterin der Multimedia-Redaktion beim Deutschlandfunk. „Deshalb verstehe ich nicht, warum wir nicht in der Lage sind, gesellschaftspolitische Relevanz zu erzeugen. Alle reden darüber, Kommunikation in neuen Öffentlichkeiten – im Netz – auf eine Art und Weise zu führen, die nicht hassgetrieben ist“, betonte Balkenhol.

„Spielen ist gemeinschaftsbildend“, stimmte Steffen Bogen, Autor von „Camel up“, ihr zu. „Ich kann im Spiel auch gemein sein, ich kann Konflikte austragen – das ist die Zauberformel, denn das ist nur im Spiel möglich.“ Der schweizerische Journalist Synes Ernst ergänzte: „Spielen ist Kommunikation, ist Integration, man hat Haltungen“ – das müsse herausgearbeitet und immer wieder betont werden. Doch Brettspiele würden in den Medien unter „Panorama, Gesellschaft, Leben“ einsortiert, beklagte der ehemalige Spiel-des-Jahres-Vorsitzende. „Aber keine Spielekritik im Feuilleton. Vermutlich hängt das mit der Stellung des Spiels in der Gesellschaft zusammen“, so Ernst.

Manuel Fritsch beschrieb, wie das Videospiel in den letzten Jahren um seine Anerkennung gekämpft und dafür einen starken Lobbyverband aufgebaut habe. Inzwischen seien 50 Millionen Euro Fördergelder für Spieleentwicklung in Deutschland zugesagt, erläuterte Fritsch, der den Gamespodcast Insert Moin betreibt. Brettspiele seien hingegen schon so alt, „sie mussten nie darum kämpfen, als kulturelles Gut, als familiäres Gut, als gesellschaftliche Gut anerkannt zu werden.“ Deswegen habe die Branche sich nie darum gekümmert diese Lobbyarbeit zu betreiben. „Brettspiele haben nicht diese Hippness wie sie Videospiele haben“, wies Fritsch auf die riesigen Werbeetats der Computerspielunternehmen hin.

Bernhard Löhlein beendete den Tag der Brettspielkritik mit einem Schlusswort. „Just One“, betonte er, und dieses eine Schlusswort laute „Emotionen“. Dieses Wort sei in jedem Bereich, in jedem Workshop, im Vortrag und den Diskussionen gefallen. „Das, was mich bewegt an einem Spiel, was mich begeistert, was mich enttäuscht, muss Ausdruck finden in den Spielekritiken, die wir schreiben und produzieren“, sagte der Sprecher des Spiel des Jahres e.V. „Ich bin nicht allein, wir sind viele, wir sind anders, wir ziehen am gleichen Strang. Wir sind nicht der verlängerte Arm der Verlage, wir sind Teil der Szene, aber nicht der Branche“, unterstrich Löhlein. „Wir dürfen selbstbewusst sein, wir stehen für etwas, was den Menschen Freude bereitet. Wir stehen für einen gute Sache, die Menschen zusammenführt.“

„Just One“ Schlusswort: Bernhard Löhlein (Spiel-des-Jahres-Sprecher)

„Just One“ Schlusswort: Bernhard Löhlein (Spiel-des-Jahres-Sprecher)

Der Tag der Brettspielkritik in der Hamburger Jugendherberge geht zu Ende

Der Tag der Brettspielkritik in der Hamburger Jugendherberge geht zu Ende

Text und Fotos: Harald Schrapers, Video: Stephan Zerlik

Wo wohnst du? Gibt es da überhaupt Mitspieler?

Alpirsbach

Etwas mehr als zwei Jahre ist es inzwischen her, dass Tom Felber (damals Vorsitzender der Jury Spiel des Jahres) mich in meinem idyllischen Heimatörtchen im Odenwald besuchte. Meine Aufnahme in die Jury wurde diskutiert und es waren noch ein paar Punkte zu besprechen – soviel hatte Felber bereits vorab angekündigt. Natürlich machte ich mir meine Gedanken: Sind meine Beiträge kritisch genug? Veröffentliche ich ausreichend Rezensionen und spiele ich überhaupt genug? All das wurde dann auch tatsächlich angesprochen. Mindestens ebenso wichtig war allerdings die Frage nach meinen Mitspielern und den Möglichkeiten, weitere zu finden. Eigentlich klar. Schließlich war ich erst vor kurzem aus Bonn hergezogen und wohne nun eine knappe Stunde von der nächsten Autobahnauffahrt entfernt. Oder, wie Tom Felber es ausdrückte: „Das ist ja eine wunderschöne Motorradstrecke. Nur Wald und sonst nicht viel.“

Der Blick auf Airlenbach

Kurios: Damals hörte ich die Frage nach Mitspielern auf dem Land zum ersten Mal. Seitdem begleitet sie mich aber ständig. Gerade in Großstädten scheint man sich kaum vorstellen zu können, dass auch auf dem Land viele Menschen spielen. Chris Mewes berichtete vor Längerem von den spielerischen Begebenheiten in und um München. Er erzählte von Spieltreffs, Messen, und dem Spielearchiv. Von mehr als 20 Autoren und Verlagen, die in der Metropole ansässig sind. Und auch sonst scheinen Spieler (oder zumindest bloggende Spieler) eine Tendenz zu haben, in großen Städten zu wohnen. Die Frage nach den Mitspielern hätte mich also eigentlich nicht überraschen dürfen. Und dennoch kam mir das zuvor nie in den Sinn. Denn Mitspieler hatte ich eigentlich immer genug, ob in Göttingen, Bonn oder jetzt im beschaulichen Oberzent.

Zugegeben hatte ich einige Vorteile, die man bei einem Umzug sonst nicht hat. So sind wir nicht etwa in die Fremde gezogen, sondern zurück in die Heimat. Ich selbst bin keine 20 Kilometer entfernt aufgewachsen. Einen ordentlichen Grundstock an Mitspielern hatte ich also schon, spielen doch eigentlich fast alle Familienmitglieder und alle Freunde schon seit Jahren. Doch selbst wenn man auf diese Art sicherlich ausreichend Mitspieler hat um privat seinem Hobby nachzugehen, für die Juryarbeit reicht das nicht aus. Denn feste Mitspieler haben leider ein Problem: Mit jeder Partie wächst ihre Erfahrung. Und auch wenn das eigentlich etwas Positives ist, soll das Spiel des Jahres doch gerade unerfahrene Spieler an das Hobby heranführen. Also muss eine andere Möglichkeit her.

Offene Spieletreffs sind dabei eine feine Sache. Neben regelmäßigen Mitspielern kommen hier auch immer wieder neue Besucher, angelockt durch Neugier oder auf Empfehlung von Freunden. Für unerfahrene Mitspieler ist also gesorgt. Blöd nur, wenn selbst im Umkreis von 50 Kilometern solch eine Veranstaltungen nicht existiert. Die Lösung: Selbst etwas organisieren. Aber was ist, wenn keiner kommt? Gibt es überhaupt genug Spieler (oder solche die es werden wollen) in der Umgebung? Am Ende sitze ich da allein rum. Wer hing nicht schon mal solchen oder ähnlichen Gedanken nach? Ich kann euch sagen: Versucht es einfach. Wenn sogar in Oberzent genug Spieler zusammenkommen, um die Räumlichkeiten an ihre Kapazitätsgrenze zu bringen, dann gelingt das auch andernorts.

Inzwischen gibt es für solche Veranstaltungen auch mannigfaltige Unterstützung: Ob die Aktivitäten von Verlagen, Stadt-Land-Spielt oder auch Spielend für Toleranz, Gründe für einen offenen Spieletreff gibt es genug. Gerade mit Letzterem habe ich in den vergangenen Monaten sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch wenn rund 40 Teilnehmer im Vergleich zu anderen Veranstaltungen vielleicht eher mickrig wirken, ist das für unseren kleinen Ort ein sehr beachtliches Ergebnis. Besonders erfreulich war dabei die große Bandbreite der Besucher. Mindestens acht Nationalitäten spielten gemeinsam und gaben dem Motto „Gegen Fremdenfeindlichkeit“ ein Gesicht. Der jüngste Mitspieler hatte dabei gerade einmal 11 Lenze auf dem Buckel, die älteste Mitspielerin war dagegen schon … ein klein wenig älter.

„Spielend für Toleranz“ im Herbst in Oberzent

Natürlich sind solche Veranstaltungen, wie erfolgreich sie auch immer sind, nicht mit Spieletreffs in den großen Städten vergleichbar. Wollen sie aber auch gar nicht sein, denn auch kleine Veranstaltungen haben ihren Reiz. Ich kenne fast alle Besucher persönlich. Für die Spieleberatung reicht ein kurzer Blick. Zudem habe ich bei jedem Besuch das Gefühl, Freunde zu treffen: Fast nur bekannte Gesichter! Wer neu ist, wird schnell integriert. Hier spielt jeder mal mit jedem. Aus einigen dieser Veranstaltungen entwickelte sich mit der Zeit ein fester Pool an Mitspielern, die mehr wollen und auch wissen, worauf sie sich beim Testen mit mir einlassen.

Zurück zum Anfang: Dem Spielen auf dem Land. Ich will gar nicht ausschließen, dass es auf dem Land schwierig sein kann, Mitspieler zu finden. Einige der regelmäßigen Besucher unserer Runden berichteten davon, dass sie selbst Monate und Jahre nach passenden Möglichkeiten gesucht haben. Klar, in der Stadt ist das leichter, die Auswahl größer. Aber aus eigener Erfahrung kann ich all euch Landeiern dort draußen nur empfehlen: Versucht es einfach. Geht in Schulen, geht in Kindergärten, Bibliotheken und Jugendtreffs. Gründet eure eigenen Spieltreffs.

Die Menschen lieben es zu spielen, egal ob in der Stadt oder auf dem Land.

Tim Koch