Trauer um Spieleautor Reinhold Wittig

Ein ganz Großer ist von uns gegangen. Einer, der wie kein anderer die Spielszene ein halbes Jahrhundert lang geprägt hat. In seinem 90. Lebensjahr ist Reinhold Wittig am 11. April in seiner Heimatstadt Göttingen friedlich zu Hause entschlafen.

Von Hauptberuf Geologe an der Georg-August-Universität hatten ihn Forschungsreisen nach Namibia geführt, wo er sich immer wieder Inspiration für sein späteres Schaffen als Spielautor holte. So kam es, dass er den 1976 mit seinem Kollegen und Freund Hubertus Porada gegründeten Verlag in Anlehnung an das dort verbreitete Helmperlhuhn als „Edition Perlhuhn“ benannte. Unter seiner Privatadresse mit dem passenden Namen „Am Goldgraben 22“ etabliert, waren die stimmungsvoll gestalteten Kellerräume einmal wöchentlich freitagabends für Besucher zugänglich.

Als Spielautor angefangen hatte Reinhold Wittig bereits zwei Jahre zuvor mit einer Auftragsarbeit für den Kunstverein Göttingen. Sein in einer einzigen Nacht entwickeltes „Wabanti“ hätte aufgrund seiner Originalität und Ausgewogenheit als Produkt monatelanger Entwicklungsarbeit durchgehen können. Wegweisend für sein künftiges Werk war dabei, dass die als Spielsteine verwendeten Metallmuttern vom örtlichen Schrottplatz stammten. Regelmäßige Besuche verschafften ihm dank seines Blicks für die verborgene Aussagekraft der dort abgeladenen Dinge nicht nur Material für seine bizarren Skulpturen und Marionetten, sondern auch Anregung für zahlreiche seiner Spiele.

Was er mit künstlerischer Begabung und handwerklichem Geschick für Ausstellungen und sein Figurentheater kreierte, lässt sich in „Reinhold Wittigs Collegium magicum“ (Verlag Kettler, Dortmund 2023) auf 450 Seiten bestaunen. Ein kiloschwerer Liebesbeweis seines ältesten Sohnes Matthias, der bereits als Jugendlicher sein grafisches Talent bei der Gestaltung zahlreicher Spielpläne unter Beweis gestellt hatte. Arbeiten, die auch in den Augen der Jury Spiel des Jahres großen Anklang fanden, wie sich im fünfmal an ihn vergebenen Sonderpreis „Das Schöne Spiel“ eindrucksvoll niedergeschlagen hat. Außerdem tauchten seine Spiele weitere sechsmal auf den Listen der Jury Spiel des Jahres auf: Fünfmal auf der Auswahlliste zum Spiel des Jahres, einmal auf der Empfehlungsliste zum Kinderspiel des Jahres.

Erstmals damit bedacht wurde 1980 Reinhold Wittigs „Spiel“ – ein Titel von geradezu anmaßender Bescheidenheit. Als Spielfläche dient eine dreieckige Aluminiumplatte mit Vertiefungen in der Art eines Waffeleisens. An die 300 Augenwürfel in verschiedenen Farben können dort platziert und aufgetürmt werden, sodass schließlich eine massive Pyramide mit drei glatten Außenseiten entsteht. Gänzlich ungewöhnlich war der Verzicht auf mitgelieferte Regeln, verbunden mit der Aufforderung, sich selbst welche einfallen zu lassen. Die besten wurden später in einer Broschüre veröffentlicht. Einmalig in seiner Art und deshalb von Erwin Glonnegger in „Das Spiele-Buch“ (Ravensburger Buchverlag 2009) als Meilenstein auf dem Weg zu einer Kultur des Gesellschaftsspiels verortet.

Zeugnis von Reinhold Wittigs überbordenden Produktivität in seiner Edition Perlhuhn und diversen etablierten Verlagen ist eine 13-teilige Serie mehrseitiger Berichte, die von 1982 bis 2016 im Abstand von drei Jahren in der Zeitschrift spielbox im Abstand erschienen sind. Doch war sein Wirken nicht etwa auf die Entwicklung neuer Spiele beschränkt; vielmehr hat er auch wichtige Impulse für das Spiel als kulturelles Phänomen gesetzt.

So ist das ab 1983 zunächst im Göttinger Künstlerhaus abgehaltene und später wegen des stetig wachsenden Zulaufs in die Stadthalle verlegte Spieleautoren-Treffen von ihm mit seiner damaligen, ihn stets rückhaltlos unterstützenden Gattin Karin initiiert worden. Wenn auch aus der Not heraus, da er sonst in der Korrespondenz mit Fremdautoren erstickt wäre. Diese reichten nämlich bei ihm verstärkt ihre Entwürfe zur Veröffentlichung ein, nachdem sich die Edition Perlhuhn auch für sie geöffnet hatte. Mit großer Befriedigung erfüllte es Reinhold Wittig, dass diese für den Kontakt zwischen Autoren und Redakteuren so ungemein wichtige Veranstaltung seit 2017 mit Vollendung seines 80. Lebensjahrs von der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) – gemeinsam mit der Stadt Göttingen – fortgeführt wird.

Reinhold Wittig war auch die treibende Kraft hinter der legendären Bierdeckel-Proklamation, die im Februar 1988 am Rande der Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg von zahlreichen renommierter Autoren unterzeichnet wurde. Darauf heißt es: „Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn sein Name nicht oben auf der Schachtel steht!“ Damit war nicht etwa die räumliche Platzierung auf dem Cover gemeint, sondern natürlich der Schachteldeckel als solcher.

Da es von Anfang an zu Reinhold Wittigs Credo gehörte, Spiel und Kunst miteinander zu vereinen – oder genauer: beides gar nicht erst als Gegensätze zu betrachten – sind ihm auch für seine künstlerischen, stets mit einer spielerischen Note versehenen Objekte zahlreiche Ausstellungen ausgerichtet worden. Dementsprechend war er auch kein Spielautor im klassischen Sinne, sondern eher ein Künstler, der Objekte zum Bespielen entwarf. Und für den das Entwickeln von Spielen das schönste Spiel überhaupt war, wie er gerne bekundet hat. Ein Metaspiel eben.

Der von Reinhold Wittig konzipierte und gestaltete Planetenweg ist eine Skulpturengalerie mit zehn in der Göttinger Innenstadt aufgestellten Großobjekten aus Bronze. Nach jahrelanger Vorarbeit konnte er im September 2003 der Öffentlichkeit übergeben werden. Der Weg und die Planetenmodelle zeigen unser Sonnensystem exakt im Maßstab 1:2 Millionen und vermitteln so einen Eindruck von dessen Dimensionen.

Anlässlich der Vollendung dieses ebenso lehrreichen wie das Stadtbild bereichernden Projekts wurde Reinhold Wittig die Ehrenmedaille seiner Heimatstadt verliehen. Zugleich in Anerkennung seiner vielen anderen Beiträge zur Förderung des kulturellen Lebens im öffentlichen Raum, wie etwa seiner Initiative zum Göttinger Kunstmarkt oder seiner Mitgestaltung des Geoparks auf dem Gelände der Universität.

1985 rief Reinhold Wittig den Göttinger Spatz als Förderpreis für Autoren ins Leben. Seitdem wird er im Rahmen des Autorentreffens feierlich mit einer Laudatio überreicht. Anfangs aus eigenen Mitteln hoch dotiert, stand der Preis für Spiele-Autoren-Zaster. Nach zwischenzeitlicher Neuausrichtung als „Inno-Spatz“ werden damit nunmehr Personen und Einrichtungen geehrt, die sich in besonderer Weise um das Kulturgut Spiel verdient gemacht haben. Konsequenterweise wurde dieser wegen seines ideellen Werts geschätzte Preis 2017 nach seinem Rückzug als Veranstalter an Reinhold Wittig selbst verliehen.

Eine weitere Ehrung wurde ihm zuteil, als er im Jahr 2020, demselben Jahr wie Wolfgang Kramer, dem mehrfachen Gewinner von Spiel des Jahres, in die Hall of Fame der Academy of Adventure Gaming Arts & Design (AAGAD) aufgenommen wurde. Einem virtuellen Ort, an dem er unter anderem den beiden Altmeistern des modernen Spieldesigns Sid Sackson und Alex Randolph wieder begegnet ist. Umso schöner für ihn, denn Letzterer hatte ihn einst respektvoll als „Spielepoet“ tituliert und schon im Gästebuch des 3. Autorentreffens im Jahr 1984 bekundet: „Lieber Reinhold – jedes Jahr bekommst du den Beweis, dass wir dich alle bewundern und lieben.“

Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass Reinhold Wittig, der bereits vor vielen Jahren einmal einen Lehrauftrag für Kunstpädagogik erhalten hatte, ab 2007 kostenlose Kurse an der Volkshochschule anbot. Zu seinem „Spiele erfinden – wie geht das?“ durften ihn die Teilnehmer im Domizil seiner Edition Perlhuhn aufsuchen, um sich dort in großer atmosphärischer Dichte aus seinem schier unerschöpflichen Erfahrungsschatz berichten und zu eigenen Kreationen motivieren und anleiten zu lassen.

2001 konnte sich Reinhold Wittig als Hersteller von Spielen noch einen Traum erfüllen. In Kooperation mit namibischen Buschleuten sollten Spiele in Handarbeit aus landestypischen Materialien produziert werden. Das Projekt fand im Juni des Folgejahres sogar prestigeträchtige Aufmerksamkeit, als der namibische Staatspräsident Sam Nujoma erschien, um sich persönlich darüber zu informieren und einige Fotos von der Zusammenarbeit zu signieren. Doch leider kam allzu bald Sand ins Getriebe, als die Leitung zur Unterstützung der Buschleute befand, dass diese keine Zeit mehr für das Schnitzen hätten. Verwirklicht werden konnten deshalb lediglich die beiden Spiele „Etoscha“ und „Skarabäus“.

Im fortgeschrittenen Alter wandte sich Reinhold Wittig dem Leben selbst und dessen Gefährdung zu. Er sah die Spielautoren in der Verantwortung, sich auch mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen zu befassen. Deshalb dekorierte er im Jahr 2015 seinen Platz auf dem Autorentreffen mit einer Stellwand, die er bereits im Jahr 2009 zusammen mit der Malerin und Fotografin Birgit Arnu gestaltet hatte. „Die nasse Tür Europas“ ist ein interaktives Bild auf Stahlblech mit magnetischen Schiffen, die vom Betrachter beliebig versetzt werden dürfen.

Schelm und Geschichtenerzähler, der er bis zuletzt gewesen ist, pflegte Reinhold Wittig auf Veranstaltungen sein Publikum mit den Worten zu begrüßen: „Liebe Kinder, meine sehr verehrten Damen und Herren.“ Damit verschaffte er sich von Beginn an die Lufthoheit über alle Mundwinkel und weckte Neugier auf weitere Bonmots. Das waren zwei bewährte Mittel, mit denen er auch in kleiner Runde im Mittelpunkt zu stehen wusste.

Es ist schön zu wissen, dass eine ganze Reihe von Perlhuhn-Spielen noch weiterhin beim Verlag Abacusspiele zu beziehen sein werden. Dessen Geschäftsführer Joe Nikisch hatte es als enger Freund Reinhold Wittigs schon vor einigen Jahren verdienstvoller Weise übernommen, die Bestände zu erfassen, zu sichern und über das Internet allgemein zugänglich zu halten.

Um ein glaubhaftes Gesamtbild von Person und Werk zu zeichnen und den Eindruck bloßer Lobhudelei zu vermeiden, darf nicht verschwiegen werden, dass Reinhold Wittig ein ausgemachter Egozentriker war, der seinem Umfeld einiges an Nachsicht abverlangte. Dies gelang ihm jedoch zumeist durch Charme, Humor und Großzügigkeit. Mit erkennbarem Vergnügen hat er sich selbst einmal sogar als „unbequembar“ bezeichnet. Wer wollte ihm da widersprechen? Passend dazu diese Wanderanekdote, wonach er nach ausführlicher Schilderung all seiner aktuellen Aktivitäten nicht versäumte, seine Besucher aufzufordern: „Nun aber auch einmal zu dir. Wie hat dir mein neues Spiel gefallen?“

Nicht unproblematisch war leider auch, dass Reinhold Wittig in seinem Drang nach schneller Realisierung einer neuen Spielidee und mit seinen Möglichkeiten, diesem Drang im Eigenverlag umgehend auch nachzugeben, ausgiebiges Testen oft vernachlässigte und kritische Hinweise nur höchst ungern aufgriff. Dabei gerieten auch seine Spielanleitungen nicht selten sprachlich und gelegentlich sogar inhaltlich suboptimal. Dies tat dem hohen Aufforderungscharakter und Unterhaltungswert seiner Spiele zwar keinen Abbruch, rief aber bisweilen aber ein gewisses Bedauern hervor, hier wäre noch mehr drin gewesen.

Der biologische Name des Perlhuhns (Numida meleagris) leitet sich von Meléagros ab, einer Gestalt der griechischen Mythologie. Als dessen Schwestern nicht aufhören konnten, seinen Tod zu beweinen, sollen sie von der Göttin Artemis zur Linderung ihres Leids in eben diese Vögel verwandelt worden sein. Eine Vogelart, deren Musterung ihres Gefieders nicht nur wie Perlen, sondern eben auch wie Tränen aussieht. Manch eine davon wird jetzt im stillen Gedenken an Reinhold Wittig dazugekommen sein.

Jochen Corts

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