Kritikenrundschau: Life of the Amazonia – langes, ruhiges Biotop

„Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss“, behauptet die berühmte französische Filmkomödie. Was für das Leben vielleicht nicht unbedingt gilt, trifft auf den Amazonas auf jeden Fall zu. Ruhig ist er allerdings nur ohne Tiere. In „Life of the Amazonia“ (Jamie Bloom bei Bad Comet / Strohmann Games) sollen deshalb Tiere in Urwald und Fluss angesiedelt werden. Unsere Jurymitglieder haben sich in ihren jeweiligen Medien auf eine Biotoperkundungstour begeben.

„Vor allem die Tiere sind es, die in ‚Life of the Amazonia“ Punkte zählen. Jedes der acht Tiere hat seine eigenen Bedingungen. Der Laubfrosch will eine private Wasserpflanze neben sich haben, dann zählt er vier Punkte. Der Ara zählt bis zu elf Punkte, abhängig von der Anzahl Bäume in seinem Wald-Lebensraum“, erklärt Udo Bartsch das Spiel. „Welche Ressourcen mir für den kommenden Zug zur Verfügung stehen, erfahre ich schon am Ende des vorherigen Zuges. Dann nämlich ziehe ich fünf Ressourcenchips aus meinem Beutel. Neben Obst, Blatt und Wasser gibt es noch Münzressourcen. Und jede dieser Ressourcen gibt es in Werten von bis zu vier. Höhere Ressourcen sind natürlich toller. Einen Ara könnte ich mit fünf Chips gar nicht bezahlen, wären alle meine Ressourcen nur Einer. Bin ich am Zug, investiere ich also meine gezogenen Chips: für Tiere, für weitere Landschaftsplatten, für Bäume, für Wasserblumen. Und auch für zusätzliche und bessere Chips.“

Bartsch sieht in „Life of the Amazonia” „ganz klassisches, an ‚Dominion‘ angelehntes Deckbuilding“. Das Spiel sei allerdings auch „ein Wettrennen – obwohl man das angesichts der Spieldauer vielleicht erst gegen Ende bemerkt. Alle Tiersorten sind begrenzt“, schreibt er. „Konzentriere ich mich zu sehr darauf, meine Chips aufzuwerten und alle Details zu optimieren, lasse ich mir womöglich zu viele Tiere und damit auch Punkte durch die Lappen gehen.“ Bartsch findet, dass das Spiel ein „herausforderndes“ Puzzle schon in der Basisversion sei. „Man kann klare Fehler machen; und um solche zu vermeiden, überlegen manche Personen besonders lange. Zwar könnte man anhand der gezogenen Chips seinen Zug eigentlich vorausplanen, aber nicht jede:r tut das. Außerdem ergeben sich mittendrin manchmal neue Optionen, die ich gar nicht vorher zu Ende denken kann.“ Das Spiel dauere daher sehr lange. „Das muss aber nicht schlimm sein. Die Frage ist ja: Macht es denn in der gesamten Zeit Spaß oder zieht es sich? Und der Aufbau-Charakter macht Spaß! Ich fange mit miesen Chips und kleinen Tieren an und entwickle mich langsam weiter. Ich spüre den Fortschritt, aber er fällt mir nicht in den Schoß; echter Fortschritt dauert eben“, schreibt Bartsch. Unnötig komplexer werde das Spiel durch Wasserressourcen: „Mit Wasserressourcen kann ich Karten kaufen, die teils Soforteffekte, teils Schlusswertungen bringen“, schreibt Bartsch. „Klar, ich sehe ein: Für die Ressource Wasser hätte es ohne diese Karten im Spiel nicht genügend Verwendung gegeben. Die designerische Idee zur Lösung dieses Problems überzeugt mich trotzdem nicht.“ Ihn fasziniert an dem Spiel nicht der Deckbau, „denn anders als man (oder nur ich?) es erwarten würde, liefert das Spiel keine Anreize, um das Deck mal irgendwie anders bauen zu wollen. Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie mein Chipvorrat am Ende der Partie aussehen soll, und es ist jedes Mal gleich. Die Frage ist allenfalls, wie gut ich es hinkriege und wie viel Tempo ich dabei verliere.“ Für punktet das Spiel beim „Wettrennen auf die Tiere und die Landschaftspuzzelei“, das reichlich Varianz biete. Gut gefällt ihm auch das Design des Spielmaterials. „Größter Kritikpunkt allerdings ist die Materialqualität. Ein dreidimensionaler Wasserfall dient als Anzeiger für verschiedene Spielfortschritte. Weil er nicht in die Schachtel passt, muss er jedes Mal auf- und wieder abgebaut werden. Und die Laschen werden das, so wie sie inzwischen auf Halbmast hängen, höchstens noch drei Partien lang überleben“, schreibt er. An „Life of the Amazonia“ hadere er mit einigem. Dennoch mache es ihm auch Spaß. „Weil es schön ist. Weil es mich herausfordert. Weil es spannend und trotz der Längen konstruktiv und befriedigend ist.“1

Julia Zerlik findet, „Life of the Amazonia” habe eine „wunderschöne Tischpräsenz, das macht direkt Lust, dieses Spiel zu spielen, leider ist es so, dass man fast so lange aufbaut, wie man spielt.“ Aber der Aufwand lohne sich, meint sie. Denn das Spiel entwickele Sogwirkung: „Dann will man immer direkt seine Plättchen aus dem Säckchen ziehen, dann die besten Optionen abwägen, das alles wieder ausgeben oder auch ein bisschen sparen für die nächsten Runden. Man möchte alles gleichzeitig.“ Ein Kritikpunkt ist für sie die Länge des Spiels. Zu viert und zu dritt dauere es „sehr, sehr lange“, weshalb es anstrengend werden könne, auch weil die Downtime sehr groß sei. „Für mich ist es optimal als Zweipersonenspiel“, sagt Zerlik. Zu zweit dauere es dennoch eine gute Stunde, gerade auch, weil die Siegpunktbedingungen der Tiere sich von Spiel zu Spiel ändern können. Gut gefällt ihr, dass sich im Spiel Strategien entwickeln lassen, „die den Glücksfaktor ein wenig in den Hintergrund rücken lassen.“ Es lasse sich über Zeit ein starkes Deck entwickeln, „das macht hinten raus richtig Spaß, weil man in jedem Zug gute Sachen machen kann.“ Obwohl ihr das Spiel mit vier oder drei Personen zu lang ist, findet sie: „Zu zweit spielt es sich fluffig runter, das macht richtig Spaß“.2

„Die Tiere, die unterschiedliche Effekte haben können, die ein bisschen variabel sind: Das ist richtig, richtig cool, so ein Erkundungsspiel eigentlich, in dem ich alles einmal ausprobieren möchte“, findet Johanna France. Nach einigen Partien ähnele sich ihre Spielweise allerdings, „da habe ich gemerkt, dass sich ein bisschen die Repetition eingeschlichen hat.“ Dennoch biete das Spiel schöne Optimierungsaufgaben. Gut gefallen ihr die, für ein Deckbau-Spiel, „ungewöhnlichen“ Regeln und das Material, wobei sie sich hier teilweise mehr Funktionalität gewünscht hätte. „Nur für den letzten Kniff, da hat mir ein bisschen was gefehlt“, urteilt France.3

Nico Wagner unterhält sich mit Stephan Kessler über „Life of the Amazonia“. Wagner erkennt dabei Anklänge an und einen Mix aus Mechaniken von „Quacksalber von Quedlinburg”, „Harmonies” oder „Cascadia“. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Mix an Mechaniken in der Art gebraucht hätte“, meint er. „Du sammelst im Prinzip immer nur unterschiedliche Ressourcen, um auf diesen Leisten vorzurücken.“ Das habe sich sehr mechanisch angefühlt. „Und irgendwie hat sich bei mir auch nicht so der Thrill eingestellt.“ Ressourcen können aufgehoben werden, man könne so lange Züge machen, wie man es sich leiten könne, „das war mir zu wenig eingeschränkt, da hätte ich mir auch ein Kartendeck nehmen können, mischen und dann Karten von oben ziehen. Dieses Deckbuilding ist meiner Meinung nach so ein bisschen Effekthascher in diesem Spiel.“ Man könne nicht „überzocken“. Außerdem seien die Grundfähigkeiten von vier der acht Tiere sehr ähnlich. „Vor allem bei der Dauer, die das Spiel hat, zieht es sich dann doch.“ Was Wagner allerdings überzeugt, ist die Gestaltung des Spieles. „Es ist schon schön, was man da am Ende gebaut hat.“ Allerdings sei es schwer aufzubauen und verknicke beim Abbau leicht. Sein Urteil: „Es kommt an Anfang zu langsam aus dem Quark, in der Mitte macht es Spaß und dann geht es schon wieder runter mit der Spannung.“
Kessler hat hat ähnliche Kritikpunkte. Das Spiel sei zu lang, „im hinteren Drittel passiert nichts mehr“, meint er. Auch er findet, dass das Spiel ein „Hingucker“ sei: „Da schauen einem Leute über die Schulter, wenn man das auspackt, weil das so schön aussieht.“ Der Wasserfall sei allerdings „unübersichtlich. Der ganze Tisch ist sowieso schon voll, und dann sieht man den nicht mehr, wenn man nicht zufällig Glück hat und daneben sitzt“, sagt er. Überzeugt ist also auch er nicht. „Ich verstehe, warum sie diesen Mechanikmix mit dem Deckbuilding und dem Bauen gemacht haben, aber es hat mich nicht zu hundert Prozent abgeholt, und für mich ist dann der größte Kritikpunkt, dass es mir zu lange gedauert hat.“ Das sei „schade“, denn das Spiel sähe super aus und habe einen „super Ansatz“, meint Kessler, „ich glaube, das ist etwas, woran viele Interesse haben könnten, aber der Einstieg ist nicht leicht.“ Am Anfang habe ihn das Spiel überfordert, „bis ich dann gemerkt habe: Ich ignoriere einfach bestimmte Tiere, und gehe auf die anderen, aber dann ist das Spiel schon festgelegt. Das ist schade, ich würde es gerne mehr mögen.“4

  1. Rezensionen für Millionen: Life of the Amazonia ↩︎
  2. Spiel doch mal…: Life of the Amazonia ↩︎
  3. Spieletipps aus der Spümaschin: Vom Amazonas nach Mittelerde und zurück in den heimischen Garten ↩︎
  4. Brettagogen #246 ↩︎
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