Kritikenrundschau: Moon Colony Bloodbath – Dünne Luft, zu wenig Arbeit

Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Murphys Gesetz gilt nicht nur auf der Erde, sondern auch auf dem Mond. Zumindest aber gilt es in „Moon Colony Bloodbath“ (Donald X. Vaccarino, erschienen bei Alea). Denn zwischen mörderischen Robotern, verhungernden Kolonisten und dem einen oder anderen Unfall nimmt der Komfort in so einer Mondkolonie gerne mal rapide ab. Die Jurymitglieder der Jury Spiel des Jahres haben sich dennoch als Kolonisten auf dem silbrigen Erdtrabanten versucht. Und sind – immerhin – zurückgekehrt, um davon zu berichten.

„Basis von ‚Moon Colony Bloodbath‘ ist der Ablaufstapel, der stetig wächst, Taktgeber ist und immer wieder neu durchgespielt wird. Karte ziehen, Effekt ausführen. Und zwar nicht reihum, sondern jede Karte gilt für alle. Fast jede Karte. Zu Beginn besteht der Stapel vor allem aus den vier Karten ‚Arbeit‘ und zwei ‚Problem‘-Karten. Jede Karte löst etwas aus. Arbeit ist toll. Sie erlaubt jedem, eine Aktion auszuführen. Ich kann Geld oder Nahrung erhalten, neue Gebäudekarten ziehen oder ein Gebäude bauen. Probleme fügen dem Ablaufstapel Ereignisse hinzu. Und die sind ausnahmslos negativ“, erklärt Karsten Grosser das Spiel. „Ziel ist es, am Ende die meisten Überlebenden in der eigenen Kolonie zu haben. Das Ende tritt ein, sobald es in einer ersten Kolonie alle Bewohner dahingerafft hat. Wächst in den ersten Zügen unsere Bevölkerung noch, sorgt der zentrale Mechanismus doch schon bald dafür, dass die Zahl der Kolonisten sinkt. Plättchen mit einem lächelnden Gesicht werden zur Ressource, die wie Geld oder Nahrung gewonnen oder verbraucht werden.“

Für Grosser ist „Moon Colony Bloodbath” „ein bemerkenswertes Spiel“, schreibt er. „Das namengebende Blutbad stellt sich als gesellschaftskritische Satire da. Auf den Illustrationen von Franz Vohwinkel versteckt sich kein einziger Tropfen Blut. Die grafische Aufmachung vermittelt mit ihrem Fünfzigerjahre-Retro-Charme eher den Eindruck von Heimeligkeit.“ Trost gebe, „bei aller systemischer Zerstörungskraft“ der Umstand, „dass die negativen Effekte stets alle treffen. Wie bekämpfen uns nicht gegenseitig, sondern müssen uns individuell den unvermeidlichen Ereignissen stellen.“ „Moon Colony Bloodbath“ macht Grosser viel Spaß, das Spiel sei „schwarzhumorige Gesellschaftskritik“, die zum Nachdenken anrege und für „Galgenhumor“ sorge, „wenn schon wieder fünf Bewohner dem Effizienzroboter zum Opfer fallen. Selbst die in ‚Moon Colony Bloodbath‘ eingebaute Destruktivität vermag es nicht, den Unterhaltungswert zu torpedieren.“ Grosser fühl sich von dem Spiel gepackt, so sehr, dass er nur „peripher“ mitbekomme, was die Mitspielenden gerade machen. „In meinem Kopf ploppen Pläne auf und Pläne platzen wieder. Die Dichte an Aktionen, Ereignissen, Katastrophen ist so hoch, dass mich meine Kolonie allein genug fordert“, schreibt er.1

„‚Moon Colony Bloodbath‘ spielt sich sehr locker herunter“, findet Stefan Gohlisch. „Vieles läuft geschickt im Hintergrund (was die sperrige Anleitung erfolgreich zu verbergen versucht.“ Für ihn kann das Spiel aber noch sehr viel mehr: „‚Moon Colony Bloodbath‘ ist der seltene Glücksfall eines gelungenen satirischen Spiels“, schreibt er. Es führe „den Glauben an eine im doppelten Wortsinn strahlende Zukunft ad absurdum“. „Und weil es diesen Glauben unter dem Namen ‚Technologieoffenheit‘ immer noch gibt, ist es auch noch brandaktuell.“ Spielen, schreibt Gohlisch, sei nie unpolitisch. „Allein die Verabredung, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, wo für alle dieselben Regeln gelten, ist hochgradig demokratisch. ‚Moon Colony Bloodbath‘ provoziert und positioniert sich auch noch. Ohne jeden erhobenen Zeigefinger ist es lehrreich – und dabei sehr lustig.“2

Für Harald Schrapers bietet „Moon Colony Bloodbath“ den Vorteil, „dass wir hier nicht mit einem vorgefertigten Strategiekonzept ins Spiel gehen, mit dem wir uns eine hohe Gewinnwahrscheinlichkeit ausrechnen“, schreibt er. „Stattdessen sind wir gespannt auf unsere ersten Karten: Was kann man daraus machen, in welche Richtung soll sich die eigene Taktik entwickeln?“ Für ihn trage die „technologieskeptische Thematik mit ihrem durchaus ernsten Hintergrund“ allerdings nur bedingt. „Mit der Zeit stellt sich eine gewisse Routine ein. Dann werden die Menschenchips wie eine beliebige Casinowährung gedankenlos hin und her geschoben“, schreibt er. „Jede andere Thematik würde mir auf Dauer besser gefallen als dieses ‚Blutbad‘. Davon abgesehen hat Donald X. Vaccarino – der Autor von Dominion – ein wirklich herausragendes Spiel geschaffen, dessen Abfolge aus gezieltem Aufbau und anschließendem drastischen Abriss für enorm viel Spannung und Spielreiz sorgt.“3

Michaela Poignée findet das Spiel „ganz schön makaber“ und lobt seinen schwarzen Humor. So richtig warm wird sie mit „Moon Colony Bloodbath“ allerdings nicht. Einerseits gefalle ihr der hohe Glücksfaktor nicht, andererseits könne das Spiel sich auch „ungerecht“ anfühlen – je nach Kartenglück eben. Außerdem wisse sie schon zu Anfang: „Es wird destruktiv werden, es wird einfach abgerissen werden, egal, wie viel ich mir hier aufbaue.“ Auch ihre Mitspielenden seien, berichtet sie, von dem Spiel gespalten gewesen. „Es gab Mitspielende, die fanden das Spiel gut, andere haben gesagt: Ja, das ist nett. Ich gehöre da eher zu den Letzteren; bei mir springt dieser Begeisterungsfunke nicht über.“ Poignées Fazit lautet: „Es ist okay, ich würde es wieder mitspielen.“ Dennoch sei es ein „eingängiges und schnell verstandenes Spiel“.4

  1. Spielekenner: Moon Colony Bloodbath ↩︎
  2. Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 25.4.26: Fröhlich in den Niedergang ↩︎
  3. Games we play: Moon Colony Bloodbath ↩︎
  4. Die Brettspieltester: Moon Colony Bloodbath ↩︎
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