Schärfe ist so eine Sache: Es kann schnell zu viel sein. Was genau zu viel ist, ist jedoch eine sehr individuelle Sache. Fest steht: Ein gutes Chili ist eine feine Sache – gerade, wenn es lange köchelt. Für „Pili Pili“ (Benjamin Brissy und Jean-Baptiste Campion bei ATM Gaming) sind die Jurymitglieder in ihren jeweiligen Medien mal kurz unter die Foodblogger gegangen und haben das Aroma des scharfen Stichspiels intensiv getestet.
„‚Pili Pili‘ ist ein Stichvorhersagespiel: Es gibt keine Farben, Trümpfe oder Bedienregeln. Sondern die Karten sind von 1 bis 55 durchnummeriert, und die höchste gewinnt den Stich“, erklärt Udo Bartsch das Spiel. „Für jede Runde wird eine von 36 Missionskarten gezogen. Sie gibt die Handkartenzahl und die Regelmodifikation der laufenden Runde vor: dass nicht null Stiche angesagt werden dürfen, dass sämtliche Karten verdeckt gespielt werden müssen oder dass nach der Vorhersage drei Karten im Uhrzeigersinn weitergegeben werden. Die Stichvorhersagen dürfen in Summe nicht aufgehen. Haben wir sechs Handkarten, dürfen wir in Summe also nicht sechs Stiche ansagen. Für jede Abweichung zwischen prognostizierten und gewonnen Stichen erhalte ich eine Chilischote. Mit sechs Chilis habe ich verloren, und die Person mit den wenigsten Chilis gewinnt.“

Für Bartsch dauere „Pili Pili“ oft zu lang. „Ich habe teilweise erlebt, dass das Spielende sogar herbeigesehnt wurde. Daran änderte auch die ständige Veränderung durch die Missionskarten nichts. Manche der 36 Missionen unterscheiden sich ohnehin nur geringfügig voneinander“, schreibt er. „Es wäre sinnvoller, ‚Pili Pili‘ endete nach einer festen Zahl von Runden, nicht nach einer festen Zahl von Chilis.“ Das Spiel spalte seine Runden, manche seiner Mitspieler:innen seien von dem Spiel „merklich begeistert“. „‚Pili Pili‘ knüpft an Bekanntes und Bewährtes an (‚Wizard‘, ‚Rage‘ & Co.) und ist zudem niedrigschwelliger, weil man keine Farben beachten muss und alle Stich- und Bedienregeln entfallen. Die Stärke eines Blattes ist leichter einzuschätzen“, schreibt Bartsch. „Die Missionen sind der Überraschungs- und auch Komplexitätsfaktor, der zum Mitdenken zwingt und jede Runde ein bisschen anders macht.“ Bartsch ist nicht wirklich von „Pili Pili“ überzeugt: „Manche Missionen werfen Regelfragen auf. Selbst wer eigentlich Geber:in der jeweils nächsten Runde ist (und somit zuerst vorhersagt und ausspielt), bleibt offen. Und so schön Abwechslung durch Missionen ist: Nicht alle Missionen sind pfiffig, und manche sind schlichtweg entbehrlich.“1
Auch Martina Fuchs kommen die Bestandteile von „Pili Pili“ bekannt vor. Die Länge des Spiels liegt bei ihr statt der angegebenen 30 Minuten „eher bei 50, 60 Minuten. Da wird schon die Frage am Tisch laut, ob man nicht verkürzen kann.“ Auch „bei der Stichvorhersage krankt das Spiel ein bisschen, weil ich ganz häufig auf Sicherheit gehe. Wenn ich kann, sage ich halt eine Eins an“, sagt sie. „Stiche nicht zu bekommen ist ja oft einfacher als Stiche zu bekommen.“ Auch Fuchs ist nicht mit allen Missionskarten einverstanden – manche seien eintönig. Es lägen aber genug Missionskarten bei, sodass man sie einfach austauschen könne. Ihr Fazit: „Wir haben ein kurzes runtergebrochenes Spiel, das schnell erklärt ist, aber auch eine gewisse taktische Tiefe hat“, sagt sie. „Es macht in dieser Verbindung der einzelnen Mechanismen Lust zu spielen.“2

Für Stefan Gohlisch sind die Regelvariationen im positiven Sinne „der pure Irrsinn: Mal muss man sich seine Karten unbesehen vor die Stirn halten und ohne Information über die eigene Kartenhand (wohl aber über die der anderen) ansagen. Mal gibt man die gesamte Kartenhand weiter. Mal hat man nur drei Sekunden Zeit, sich die Karten einzuprägen, und spielt danach die Karten quasi blind aus. Mal darf man zwar vorsortieren, aber muss fortan immer nur eine der beiden Karten außen ausspielen. Das ist anarchisch, aber sehr lustig“, schreibt er und plädiert dafür, das Spiel in größeren Runden zu spielen. Sein Urteil: „‚Pili Pili‘ nimmt das grundlegendste Prinzip seines Genres und denkt es wieder und wieder mit großer Fantasie neu. Das Ergebnis ist womöglich das beste Stichspiel des Jahres: echt scharf.“3
Für Harald Schrapers gehen einige der Regelvarianten „tatsächlich schon ins Alberne“, was aber gut zum Spiel passe, dem er sehr viel Spielreiz attestiert. „Verzichtet man auf unterschiedliche Farben, einen Trumpf oder Bedienzwang, ist das Fachwissen der Stichspiel-Experten (insbesondere aus dem Subgenre Stichansage) hinfällig“, lobt er das einfache Konzept. Dass die in der Anleitung festgelegte Spieldauer nicht gut gelungen sei, hält er für unproblematisch. „Man kann sich darauf einigen, eine vorab festgelegte Zahl an Durchgängen zu spielen. Für Spielspaß ist ohnehin gesorgt.“4
Nico Wagner und Stephan Kessler wagen sich gemeinsam an das scharfe Chiligericht. Für Wagner ist „Pili Pili“ „eines dieser Kartenspiele, in das man ganz simpel einsteigen kann und eines dieser Spiele, mit dem man Leute abholen kann, die sagen: Eigentlich spiele ich nicht so gerne.“ Er sei erstaunt, „wie gut das in meinen Spielerunden ankommt.“ Die Varianz durch die unterschiedlichen Missionskarten gefalle ihm.
Kessler fühlt sich von „Pili Pili“ nicht ganz abgeholt, „weil ich immer gedacht habe: das kenne ich schon“. Das Spiel biete ihm kein neues Spielgefühl. „Das kritisiere ich aber nicht an dem Spiel selbst, sondern an mir“, sagt er. Er sei schließlich kein Wenigspieler. Für einen Einstieg in Spiele sei es sicherlich das Richtige.5
