Kritikenrundschau: Kavango – Platz da im Habitat

Das Kavango-Zambesi-Schutzgebiet im südlichen Afrika braucht vor allem eines: Schutz. Es liegt im Grenzgebiet von Angola, Botswana, Namibia und Simbabwe und ist etwa eineinhalbmal so groß wie Deutschland. Das bedeutet natürlich auch: viel Platz für Biodiversität zwischen Gräsern, Termiten, Elefanten und Impala-Antilopen. Und darum, das Gebiet zu schützen, zu beforschen und Flora und Fauna anzusiedeln geht es in „Kavango“ (Matt Brown und Zara Reid bei Schmidt). Da die Mitglieder der Jury Spiel des Jahres immer gerne dabei sind, wenn es darum geht, den Planeten ein wenig besser zu machen, haben sie in ihren jeweiligen Medien das Spiel besprochen.

„Kern des Spiels sind 160 Karten, auf denen unterschiedliche Tiere sowie ein paar Bäume und Gräser abgebildet sind. Aus diesen bauen wir unser persönliches Reservat auf. Wir spielen parallel und überlegen, welches Tier am besten passt“, erklärt Harald Schrapers das Spiel. „Ohne Pflanzen, Wirbellose und Fische funktioniert hier nichts – es gibt keine Nahrungskette und kein Leben im Reservat. Das Zebra frisst Gräser. Der Löwe frisst das Zebra. Dabei wird jedoch niemand wirklich gefressen. Wenn ich die Löwenkarte spiele, reicht es, wenn ich das Zebra bereits ausliegen habe – und es bleibt dann auch liegen. In ‚Kavango‘ wird auch die Finanzierung von Naturschutzorganisationen thematisiert. Ich brauche Geld, um in Habitat-, Klima- und Wildtierschutz zu investieren.“

Thematisch, so Schrapers, sei das „allerdings eher abstrakt umgesetzt. Das liegt auch daran, dass das Geld nicht in Münzen oder Scheinen auf dem Tisch liegt, sondern in Form kleiner Holzwürfelchen.“ Gleichzeitig stören ihn Ungenauigkeiten in den Karten: „Die Karten, die den Beginn der Nahrungskette darstellen, werden hochtrabend als ‚Produzenten‘ bezeichnet. Da hier aber auch Wirbellose und Fische dazugehören, widerspricht dies der allgemeingültigen Terminologie, denn dort gelten ausschließlich Pflanzen und Algen als ‚Produzenten‘. Im Anhang der Spielanleitung wird dies auch so dargestellt – aber warum dann erst so einen unpassenden Begriff ins Spiel bringen?“, schreibt er. Außerdem kritisiert Schrapers das Material: „Schmidt Spiele produziert stolz in Deutschland und verzichtet konsequent auf Kunststoff sowie auf eine Fertigung in China, was sehr lobenswert ist! Trotzdem fragt man sich, warum vier riesige Tableaus mit je drei mal acht Feldern beiliegen, die funktionslos sind, denn mein Reservat ist gar nicht auf 24 Felder begrenzt“, schreibt er. Das Haupttableau sei überflüssig. Ansonsten spiele sich – bis auf das Herumreichen der Karten nach jedem Zug – das Spiel eher „solitär“: „Es gibt keinen Wettbewerb um die punkteträchtigen Forschungsaufträge. Alle haben die gleiche Chance und die Reihenfolge ist egal. ‚Kavango‘ spielt sich deshalb sehr konsequent: Es gibt kein Gerangel an Nebenschauplätzen, sondern die Konzentration liegt auf dem Wesentlichen“, schreibt er. Forschungsaufträge sind die Leitplanken, innerhalb derer wir uns mit unseren taktischen Ideen bewegen. Das Spiel spiele sich „gemütlich“. Dennoch hat Schrapers auch viel Lob für „Kavango“ übrig: „Hier merkt man sofort, dass der Autorin und dem Autor der afrikanische Naturschutz wirklich am Herzen liegt. Ob wir Europäer uns anmaßen sollten, dort aktiv zu sein, oder ob wir es sogar müssten, weil manche Herausforderungen aus den Verwüstungen des Kolonialismus resultieren, ist durchaus diskussionswürdig. Wenn ein Spiel dazu anregt, darüber nachzudenken, hat es bereits viel erreicht“, schreibt er und findet es „thematisch stark, mechanisch rund und wunderbar variabel spielbar – ob zu zweit, zu dritt oder zu viert“.1

Udo Bartsch findet in „Kavango“ ein „opulentes Spiel“. Ein wenig zu opulent: „Samt Inhalt wiegt die Schachtel so viel wie eine ausgewachsene Bindenfischeule, also knapp mehr als zwei Kilogramm. Das liegt vor allem an den dicken Pappplänen. Die Reservate erinnern gestalterisch an verlassene Großparkplätze vor insolventen Möbelhausketten. Jedes Tier bekommt seine eigene Haltebucht. Warum man die Karten nicht platzsparender einfach auf den Tisch legen soll, erschließt sich nicht“, kritisiert Bartsch. Dennoch wirke das Spiel „naturbewegt“. „Viele Details offenbaren, dass die Autorin und der Autor vom Fach sind und sich vor Ort ökologisch engagieren“, schreibt Bartsch. „Das trendige Tierthema wurde nicht einem Spielkonzept nur aufgepfropft.“ Ein Mix aus bewährten Spielprinzipien setze es das Thema „gelungen in Szene“.  „Nur die hakelige Unterscheidung zwischen drei Arten Insekten wirft unnötige Probleme auf. Ansonsten harmoniert alles und spielt sich wunderbar fließend und weitgehend selbsterklärend. Wir können in Ruhe vor uns hinbasteln, trotzdem ist längst nicht alles planbar. Aufträge passen rein oder auch nicht. Tiere, die ich allzu gerne schützen würde, schlüpfen anderswo unter. Ein bisschen Konkurrenz und Ärger ist dabei. Am Ende aber überwiegt das schöne Gefühl, etwas Gutes getan und den hässlichen Parkplatz mit schönen Tieren gefüllt zu haben“, so Bartsch’ Fazit.2

Tobias Franke findet in „Kavango“ eher „überschaubare“ Interaktion. „Wie wir es aus unzähligen Drafting-Spielen kennen, können wir manchmal den Nachfolgenden erfolgreich eine Karte vorenthalten. Aber mehr passiert zwischen uns Spielenden eigentlich nicht. Einzige Ausnahme: der gemeinsame Klimaschutz“, schriebt er. Das allerdings sei spielerisch eine Schwäche des Spiels: „Wer dort sehr aktiv ist, tut den anderen einen größeren Gefallen als sich selbst“, hat Franke beobachtet. „Denn wenn ich mein Geld in den Klimaschutz stecke, fehlt es mir meist an anderer Stelle, womit ich seltener attraktive Tiere ausspielen und weniger gut Forschungsaufträge erfüllen kann.“ Das allerdings rege auch zum Nachdenken an: „Das zeigt ein ganz reales moralisches Dilemma der heutigen Zeit auf. Natürlich kann ich darauf setzen, dass die anderen schon beim Klimaschutz aktiv werden und deswegen wahrscheinlicher gewinnen. Aber fühle ich mich gut dabei? Ich habe die Hoffnung, dass diese spielerische Unfairness zum Nachdenken anregt“, schreibt er.
Auch Franke kritisiert die „überdimensionierten persönlichen Ablagen“ und findet in „Kavango“ wenig „spielerische Innovationen“. „Das bedeutet aber nicht, dass unsere Entscheidungen banal wären. Bei der Auswahl der Karten gibt es einiges zu bedenken. Manchmal wollen wir den kurzfristigen Vorteil, manchmal erhoffen wir uns langfristige Erfolgserlebnisse. Dabei bietet vor allem die Auffangstation interessante taktische Erwägungen. Dort kann ich bis zu drei Tiere zwischenlagern. Somit kann ich die Tiere für spätere Runden reservieren – und zeige allen Mitspielenden offen, welche Voraussetzungen ich noch benötige.“
Für ihn überzeugt das Spiel am Ende „durch die stimmige Wiedergabe eines realen Themas. Die spielmechanischen Kniffe sind nicht innovativ, das Gesamtprodukt weiß aber gut zu unterhalten“, schreibt er, findet aber auch: „Es fehlt lediglich die ein oder andere Kante, an der wir uns reiben könnten und wodurch auch mehr Emotionen freigesetzt würden. Andererseits präsentiert uns ‚Kavango‘ eher nebenbei das Dilemma des gemeinsamen Klimaschutzes, ohne dabei den moralischen Zeigefinger erheben zu müssen.“3

Stefan Gohlisch erkennt in „Kavango“ zwar „sehr einfache und grundlegende Mechanismen“, das Spiel sei aber auch „sehr konkret in den Einzelheiten seiner Darstellung dieses faszinierenden Ökosystems“. Dennoch könne es „im eigentlichen Verlauf als abstrakt wahrgenommen“ werden. „Das fängt damit an, dass Gräser, Bäume, wirbellose Tiere und Fische als ‚Produzenten‘ bezeichnet werden, was meint, dass sie am unteren Ende der Nahrungskette stehen“, schreibt er. Das Spiel begebe sich in die Gefahr einer „maschinellen Logik, weil man eventuell überfordert von all den Möglichkeiten die Natur vor lauter Symbolen nicht mehr sieht. Was schade ist. Denn das Autorenteam legt höchsten Wert auf wissenschaftliche Grundierung.“ In seiner Rezension zitiert Gohlisch den Anhang des Regelwerkes: „Im Kern ist ‚Kavango‘ eine Botschaft der Hoffnung für den Fortbestand der natürlichen Welt“. „Dieses Spiel“, so Gohlisch, „kann ein Anstoß dazu sein. Ansonsten bleibt es ein Spiel, freilich ein sehr reizvolles.“4

Michaela Poignée findet das Thema des Spiels „reizvoll“, aber auch ihr geht es in der Mechanik schnell verloren: „Letztendlich ist es so: Wir sammeln ja Symbole“, sagt sie. Diese seien allerdings auf der Spieler:innenübersicht gut dargestellt. Vom Spielprinzip her sei „Kavango“ recht einfach, aber: „es hat mir Spaß gemacht, aber es hat sich relativ schnell abgespielt. Von Anfang an war es mir ein bisschen nebeneinanderher gespielt. Ich war immer nur fokussiert auf das, was ich brauche und was die anderen machen, hat mich nicht interessiert“, sagt sie und fügt hinzu. „Das Einzige, wo man ein bisschen drauf achten muss ist dieser Klimaschutz.“ Ihr fehle die Interaktion. „Es ist kein schlechtes Spiel“, lautet Poignées Fazit, allerdings nutze es sich schnell ab.5

Nico Wagner ist ein wenig ratlos: „Was macht das Spiel neu? Das kann ich ehrlich gesagt nicht so genau beantworten“, sagt er und kritisiert die Größe des Spieles: „Wir kriegen ein Spiel, das sehr viel Platz braucht, wenn man denn alles Material benutzt.“
Die Karten seien „ansprechend gestaltet“, findet Wagner. „Ich hatte schon das Gefühl, ich lerne ein wenig etwas über die Region. Aber so richtig einen Bezug dazu habe ich nicht festgestellt. Ich habe mir nicht gedacht: Oh, cool, ich habe die Fleckenhyäne gerettet. Ich habe halt die Karte ausgespielt, die drei Gras und eine Termite braucht. Das fand ich ein bisschen schade.“ Die Aktionskarten seien zwar an reale Projekte in der Region angelehnt, gingen aber etwas unter. „Ich spiele diese Karte und bekomme dafür zwei Geld, eigentlich ist es mir total schnurz, was ich da mache.“ Zwei „Hakeligkeiten“ hat Wagner dann noch am Spiel zu bemängeln: Die Symbole auf den Karten seien etwas zu klein, „was dazu führt, dass die so gut wie jeder vergisst.“ Sein Fazit: „Es ist ein durchweg solides Spiel, in dem ich das Thema nicht gut umgesetzt finde.“

Stephan Kessler lobt – im Dialog mit Wagner – dagegen den „schönen Spielflow“. Das Thema habe ihn sehr abgeholt. Die Abhängigkeiten zwischen den unterschiedlichen Tieren und Pflanzen gefallen ihm. „Ich finde es gut reduziert und thematisch zugänglich“, sagt er und verteidigt außerdem die großen Tableaus: „Ich verstehe das schon: Ihr habt so schöne Karten gemacht, ihr wollt auch, dass man sieht, wie das entsteht. Wir sind erfahrene Spieler, wir legen die Karten übereinander gucken nur auf die Symbole.“ Insgesamt sei es für ihn eine schöne Spielerfahrung gewesen, nur gefalle ihm nicht, dass der Spielflow unterbrochen werde, weil es eine Regel gebe, die es erlaube, den Kartenstapel zeitaufwändig zu durchsuchen.6

Manuel Fritsch freut sich in „Kavango“ über „sehr kleine, sehr feine Entscheidungen“. Allerdings sei es „kein Spiel für Vielspielende. Da spielt man ein-, zweimal und dann hat man gefühlt schon alles gesehen. Aber ich habe gemerkt in meinen Runden hier: Leute, die nicht so viel spielen, die stört es nicht so sehr, dass man am Anfang immer das gleiche macht. Man spielt immer die Grundkarten, und man hat das Gefühl, das ist so ein bisschen Beschäftigungstherapie.“ Seiner Meinung nach könnte das Spiel etwas mehr Tiefe vertragen: „Man hat nicht so viele unterschiedliche Strategien. Wenn du einen Elefanten gespielt hast, dann hast du eben sieben Punkte, aber du kannst hier nicht irgendwelche Kartenkombinationen entdecken. Denn was die Tiere wollen, ist immer gleich, wenn das Tier liegt, dann liegts halt.“ Ein wenig Varianz brächten die individuellen Ziele ins Spiel. Er selbst würde „Kavango“ nicht mehr „aktiv auf den Tisch bringen – ich spiele es aber auf jeden Fall mit und habe Spaß. Aber es ist kein Spiel, das überdauern wird.“7

  1. Games we play: Kavango ↩︎
  2. Spielbox 6/25: Wildparker ↩︎
  3. Fjelfras: Kavango ↩︎
  4. Hannoversche Allgemeine Zeitung: Der Natur auf der Spur ↩︎
  5. Die Brettspieltester: Kavango ↩︎
  6. Brettgogen #274 ↩︎
  7. IGN-Podcast: Brettspiel-Special ↩︎
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