Kritikenrundschau: Fromage – Drehen am Käserad

Käse, und so einfach ist das wirklich, macht glücklich. In „Fromage“ (Matthew O’Malley und Ben Rosset bei R2i) geht es darum, das edle Milchprodukt herzustellen – das braucht Zeit und vor allem viele Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Mitglieder der Jury Spiel des Jahres haben in ihren jeweiligen Medien eigene Käsereien eröffnet, die Geheimnisse des Reifungsprozesses ergründet und nebenbei herausgefunden, ob „Fromage“ nur Käse ist – oder doch eine Delikatesse.

„‚Fromage‘ gelingt es, die Wartezeit knapp zu halten, weil alle gleichzeitig dran sind – bis zu vier Personen sammeln sich um die vier Segmente des Drehplans, aktiv ist man jeweils im eigenen Viertel. Sind alle fertig, wird weitergedreht, und neue Aktionsmöglichkeiten eröffnen sich“, erklärt Maren Hoffmann das Spiel.
„Unsere Spezialisten sitzen auf tortenförmigen Käsestücken. Wir können sie auf zwei Arten nutzen: Im oberen Bereich unseres aktiven Segments, wo wir jeweils eine von vier Ressourcenarten sammeln können, oder auf den punkterelevanten Herstellungsfeldern, wo sie Hartkäse, Blauschimmelkäse oder Weichkäse produzieren und auf dem Brett für die Endwertung liegenlassen. Der angestrebte Reifegrad bestimmt, wann wir unsere Leute zurückholen und neu einsetzen können. Man bekommt immer diejenigen wieder, bei denen das spitze Ende des Käsestücks auf den eigenen Spielbereich zeigt – das ist elegant und erfreulich bürokratiearm. Wer nur eine Ressource nimmt oder sich mit jungem Käse zufriedengibt, bekommt den jeweiligen Käser schon im nächsten Zug zurück – wer mehr will, muss bis zu drei Züge investieren.“

„‚Fromage‘ gehört zum großen Genre der Nebeneinanderher-Spiele“, findet Hoffmann. „Alle grübeln über ihre eigenen Züge und Pläne, direkte Interaktion kommt nicht vor.“ Redaktion und Autoren hätten den Spielerinnen und Spielern allerdings viel Aufbau- und Verwaltungsarbeit abgenommen: „Auch Spiele haben ja Benutzeroberflächen, und diese ist leicht verständlich. Das geht schon mit der Vorbereitung los: Für jede Spielerzahl gibt es passende Plankarten, die man in den doppellagigen Plan schiebt. Fertig. Alles ist logisch aufgebaut, auf jedem Gebäudeplättchen findet sich die Erläuterung gleich hintendrauf; das Spielende ist für alle leicht ersichtlich. Es bleiben kaum Fragen offen, die nicht auf den Planteilen selbst beantwortet werden“, schreibt Hoffmann. Das Spiel sei ein „gutes Beispiel dafür, wie man aus einem hübschen Thema sehr viel mehr herausholen kann als eine solide Umsetzung. Es spielt mit allen Aspekten, ohne sich zu sehr in Details zu verlieren“. Die Aufgaben seien für die Spieldauer genau richtig – reizvoll, aber nicht überkomplex.1

„Ich mag Käse, es würde gut passen, wenn man zu dem Spiel noch eine Käseplatte hinstellt“ meint Michaela Poignée. Ihr gefällt das Spielmaterial sehr gut. „Das ist einmal etwas anderes, dass wir einen drehbaren Spielplan haben“, sagt sie. Der einfache Aufbau sei „eine richtig gute Sache“. Die unterschiedlichen Spielertableaus sorgen für Abwechslung. Und die unterschiedlichen Aufgaben auf den einzelnen Quadranten bieten viel Varianz. „Man muss gucken: Wie setze ich den Arbeiter ein? Wann bekomme ich ihn zurück? Man muss vorausplanen“, sagt sie. „Ich finde es ist ein tolles Spielprinzip, weil es etwas anderes ist.“ Für Poignée ist „Fromage“ ein „interaktives Spiel“: Man sei immer auch mit dem beschäftigt, was die anderen machten, gleichzeitig müsse man auch immer darauf achten, wo die Mitspielenden ihre Figuren einsetzen. „Ich mag das Spiel total gerne“, lautet ihr Fazit. „Dadurch, dass wir alle gleichzeitig am Zug sind, hat es eine schöne Spielzeit. „Fromage“ habe für sie einen hohen Wiederspielwert.2

Udo Bartsch findet mit „Fromage“ ein Spiel, in dem „alles gut verzahnt“ ist und schlüssig zusammenhängt. „Dass Einsatz-Figuren unterschiedlich lange unterwegs sind, ist eine interessante Idee. Und weil die Felder, die einen langen Einsatz erfordern, oft auch die besseren sind, erzeugt diese Idee ein ständiges Dilemma. Besonders gelungen ist, dass die Mechanik trotzdem kein spezielles Mitprotokollieren erfordert.“ Bartsch sieht in dem Spiel mechanische Vorzüge. „Trotzdem verspüre ich keine besondere Lust, ‚Fromage‘ häufiger zu spielen“, schreibt er. „Das, was wir in diesem Spiel tun, packt mich emotional gar nicht. Auch wenn ich taktiere und relevante Entscheidungen treffe: Spannend finde ich das nicht.“ Er findet „Fromage“ „unkommunikativ“. Man bekäme nur am Rand mit, wie die anderen Spieler:innen agieren. „Erst am Ende der Partie werden die Punkte aus acht verschiedenen Wertungskategorien auf dem Block addiert, und ich denke ein distanziertes ‚Aha‘. Distanziert erstens deshalb, weil die Rückmeldung auf mein Tun so spät kommt. Und zweitens, weil ich die vier Gebietswertungen als lahm empfinde. Wie man setzen muss, um viele Punkte zu erhalten, ist kein großes Geheimnis. Die Wertungen bieten nichts, was ich häufiger ausprobieren oder vertiefen oder mal auf andere Weise angehen möchte. ‚Fromage‘ fühlt sich von Partie zu Partie sehr ähnlich an“, schreibt er.3

Tobias Franke sieht in dem drehbaren Spielbrett und dem restlichen Material einen „hohen Aufforderungscharakter. Das hat eine Tischpräsenz, die verfängt.“ Außerdem sei es ein zugängliches Spiel, das einfach zu erklären sei. „Ich werde sehr gut geführt“, findet er. Das Spiel sei insgesamt „redaktionell hervorragend bearbeitet“. Dass jedoch sowohl Schafe, Ziegen als auch Kühe als Ressourcen durch ein Kuhsymbol angezeigt werden findet Franke irritierend. Bei den Fruchtressourcen sei es ähnlich. Für Franke ordnet sich in „Fromage“ das Thema der Mechanik unter: „Ich fühle mich nicht als Käseproduzent“, sagt er. Das Thema sei „nur ein Aufhänger“.
Gut findet er allerdings, dass der Spielplan modular ist. „Bei jedem Aufbau ist es eine andere Situation.“Auch die Tatsache, dass mit unterschiedlicher Anzahl an Spielerinnen und Spielern unterschiedliche Einlegscheiben in den Spielplan in der Mitte geschoben werden, sei „elegant gelöst“, sagt er. „Ich habe öfter den Vorwurf gehört, dass sich alles relativ schnell gleich anfühlt.“ Tatsächlich fühle sich das Spiel an, als ob man immer das gleiche mache, „aber dann habe ich andere taktische Entscheidungen“, was eine Stärke von „Fromage“ sei. Außerdem komme es in der Zielgruppe gut an, mache Spaß und habe ein greifbares Thema. „Es ist eine gewisse Dinglichkeit da, die an den Alltag anschlussfähig ist.“4

„Fromage“, findet Stephan Kessler, „lebt davon, dass man es wirklich sieht.“ Soll heißen: Material und Mechanik passen für ihn gut mit dem Thema zusammen. „Das interessante ist die Abwägung: Wie stark soll die Aktion sein, die ich mache? Wie lange kann ich auf den Arbeiter verzichten?“ Kessler freut sich, dass verschiedene Mechanismen, „die ganz klassisch im Brettspiel vorkommen“ auf den unterschiedlichen Arealen in dem Spiel kombiniert sind. Der Arbeitereinsetzmachnismus sei „eingängig“, gerade auch, weil alle ihre Arbeiter gleichzeitig einsetzen müssten. „Dadurch ist die Spielzeit reduziert. Ganz häufig kritisiere ich bei solchen Spielen, dass es wenig Interaktion gibt. Das ist hier aber nicht so, weil Interaktionen zeitversetzt passieren.“ Das sei „clever gemacht“, findet er und lobt sowohl Thema als auch Spielfluss. Dennoch: „Ich finde es nicht sehr originell, was auf den unterschiedlichen Quadranten passiert. Schade drum“, sagt Kessler. „Das ist aber vielleicht ein Problem von Vielspielern. Wer eher wenig spielt, bekommt von dem Spiel viele grundlegende Spielmechanismen beigebracht.“ Das Spiel sei „locker“ und biete „schöne, tiefgreifende Entscheidungen“, lautet sein Fazit. „Ich habe das Gefühl, ein bisschen etwas Neuartiges gespielt zu haben.“5

  1. Spielbox 6/25: Jetzt oder Brie! ↩︎
  2. Die Brettspieltester: Fromage ↩︎
  3. Rezensionen für Millionen: Fromage ↩︎
  4. Cocktails for Meeples: Am Goldenen Käse ↩︎
  5. Brettagogen #258: Handkäs mit Brettspiel ↩︎
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