Kritikenrundschau: Abroad – Heute hier, morgen dort

Dass die Jurymitglieder der Jury Spiel des Jahres exzellente Spielejournalist:innen sind, ist klar. Aber wie schlagen sie sich als Reisejournalist:innen? Mit „Abroad“ (Rodrigo Rego und Danilo Valente bei 1 More Time Games) konnten sie es herausfinden. In dem Spiel reisen sie als journalistischer Jetset für Siegpunkte um die Wette durch Europa, immer auf der Jagd nach dem nächsten Geheimtipp.

„Unsere Aktionen spielen sich an zwei Orten ab: auf dem Europa-Spielplan, der in zehn Regionen, wie Nord, Italien oder Balkan unterteilt ist, sowie auf unserem persönlichen Kalender-Tableau. Hier liegt zu Spielbeginn auf allen 28 Tagen ein Plättchen – vier Wochen, jeweils von Montag bis Sonntag“, erklärt Johanna France das Spiel. „Zu Beginn unseres Zuges können wir für Geld oder Energie reisen. Anschließend kann ich einen Tag mit Schreiben (für Geld), Ausruhen (für Energie) oder Planung (für Karten) verbringen. Viel häufiger spiele ich aber eine zur Region passende Ortskarte aus. Das kostet mich ein bis vier Tage Zeit. Alle Plättchen der Tage, die wir für unsere Aktion nutzen, werden direkt in die Region gelegt, in der unsere Spielfigur gerade steht. Die Ortskarte kommt auf den letzten gerade freigeräumten Platz unserer aktuellen Woche. Jede bringt uns einen Soforteffekt wie Siegpunkte, Ressourcen oder eine neue Postkarte mit einem persönlichen Spielziel. Und manchmal einen Bonus, wenn sie am passenden Tag ausgespielt wird.“

„Abroad“ sei „knifflige und vielschichtige Optimierungsarbeit“, schreibt France. Das Spiel sei „wunderbar verstrickt. Durch das Haushalten mit unseren Reise-Tagen und Ressourcen, die Bucket-List-Ziele, die verschiedenen Ortskarten und die Mehrheiten-Wertungen fließen sehr viele Aspekte in unsere Entscheidungen ein.“ Ihr persönlich mache die Optimierungsaufgabe Spaß, aber die vielen Möglichkeiten „können herausfordernd sein“, so France. „Allein die sieben Karten, mit denen wir jede Runde starten, bieten viele Optionen. Zieht man weitere Karten, tun sich neue Wege auf. anche spielen nach Bauchgefühl, andere sind überfordert. Und manchmal passen die Karten einfach nicht zusammen und man kommt so nicht in die Gänge.“
Dennoch schaffe „Abroad“ „das Gefühl, eine Reise zu erleben. Vielleicht ist es die tatsächliche Bewegung auf der Landkarte oder weil unsere Züge in ‚Abroad‘ mehr Raum einnehmen und so anders wertgeschätzt werden können – hier tauche ich viel mehr in das Reisen am Spieltisch ein“. Für France ist „Abroad“ „eine kuriose Mischung aus einem fordernden Optimierungsspiel und einem Wohlfühlspiel“.1

Manuel Fritsch legt ein Maßband an das Spiel und urteilt: „Kennerspiel-Kragenweite. Nicht zu komplex, aber auch nicht zu einfach.“ „Abroad“ könne allerdings am Anfang verwirrend sein, sei aber „ein sehr schönes Spiel, das auch zu Diskussionen anregt. Man hat ständig die Situation, dass jemand sagt: Ach, hier war ich schon mal.“ Man habe viele Möglichkeiten ins Gespräch zu kommen, „aber es ist auch genügend taktische Tiefe drin für Menschen, die gerne Optimierungsaufgaben machen. Das Spiel ist ideal für Leute sagen: Ich möchte das Beste aus den Karten rausholen, die ich auf der Hand habe, mit den limitierten Ressourcen, die ich habe“, befindet Fritsch.2

Auch Udo Bartsch spürt, dass ihm bei „Abroad“ der Kopf raucht. Der Reiz des Spiels liege in der Überinformation. „Unsere Kartenhände bieten oft zu viele verlockende und einander widersprechende Möglichkeiten, gespickt noch mit Wenns und Abers. Ich muss filtern, ich muss priorisieren, ich muss mich fokussieren und mir meinen eigenen roten Faden verordnen, anstatt alles gleichzeitig machen zu wollen“, schreibt er. Obwohl diese Kartenanalyse einen großen Teil des Spiels ausmache, spiele es sich „alles andere als solistisch. Wir konkurrieren um Mehrheiten und jagen einander die Wertungen ab. Erweckt jemand den Eindruck, mir die Delikatessen-Wertung im Osten wegschnappen zu wollen, reise ich vielleicht sofort hin, obwohl es eigentlich besser gewesen wäre, erst noch eine andere Aktion vorzuschalten“, schreibt Bartsch und fügt hinzu: „Ich stehe in jeder Partie unter Strom.“
Redaktionell sei allerdings noch „Luft nach oben gewesen. Die Bedeutung mancher Symbole muss man sich herleiten, eine Symbolübersicht für jede Mitspieler:in fehlt. Die Symbole sind außerdem sehr klein. Die Bezeichnungen der Regionen (etwa FBR für Frankreich-Benelux-Region) hat in meinen Runden für Spott gesorgt. Außerdem stimmten die Grenzen auf dem Spielplan nicht. „Irland beispielsweise hat laut ‚Abroad‘ keine Binnengrenze, Luxemburg existiert gar nicht.“3

Für Tobias Franke ist die Überforderung, die „Abroad“ bietet, „kein Bug, sondern ein Feature, das ist genauso gewollt, das soll auch den Reiz ausmachen.“ Dadurch könnten allerdings Längen im Spiel entstehen. „Ich kriege meine Karten, ich plane die Woche, und dann sind erstmal alle fünf Minuten mit sich selbst beschäftigt.“ Man müsse zu viel auf andere Spieler:innen warten, das Spiel habe ein „Downtime-Problem“. Außerdem sei die Schrift, beispielsweise auf den Karten, aber nicht nur dort, zu klein, findet Franke. „Und ob die Luxemburger froh sind, dass sie in dem Spiel zu Frankreich gehören, weiß ich auch nicht. Da werden Regionen eingeteilt, die bestimmt spielmechanisch sinnvoll sind. Da hätte ich mir ein bisschen mehr Realitätsbezug gewünscht.“
Allerdings gefällt Franke, dass das Reisen in „Abroad“ „spürbar“ sei. Für ihn ist es ein Spiel, das auch ein wenig Urlaubsplanung ist. „Was es toll macht, ist das Schmachten über den Karten“, sagt er. „‚Abroad‘ flutscht, wenn die Spielenden das Spiel als Erlebnis empfinden und nicht als Konkurrenzkampf.“ Man müsse sich an der Aufgabe erfreuen. „Wenn ich das wirklich auf Siegpunktoptimierung spiele, dann ärgere ich mich sicherlich über Kartenpech. Wenn ich das aber als Erlebnis spiele, von wegen: So schön ist Europa und gar nicht so verbissen versuche, das alles hundertprozentig zu optimieren, dann gewinnt das Spiel deutlich.“ Dennoch lautet Frankes Urteil: „So richtig glücklich bin ich damit auch nicht.“4

  1. Spielbox 5/25: Voyage, Voyage ↩︎
  2. Spielboxcast Vol. 27: Neues aus dem Kloster ↩︎
  3. Rezensionen für Millionen: Abroad ↩︎
  4. Cocktails for Meeples 035: Fische, Äpfel, Smiles and more ↩︎
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