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Empfehlungsliste Kinderspiel des Jahres: Villa der Vampire

Aufstehen! Auuufstehen!!! Das Vampirfest geht bald los, und die alten Blutsauger liegen tatsächlich noch in ihren Särgen und schlafen. So ist es an den Kindern, sie aufzuwecken – doch wie nur? Mit Riechsalz? Nein, Knoblauch wirkt viel besser …

Schöne Geschichte. Nur: Wie spannt man jetzt den Bogen zu einem Spiel, das im Kern eine Art Hockey ist? Durch das Material. Üppig dreidimensional und mit viel Liebe zum skurrilen Detail illustriert entsteht die namensgebende „Villa der Vampire“ (Guido Hoffmann und Jens-Peter Schliemann bei Drei Magier) im Schachtelboden. Drei Hausecken halten das Dach. Darin sind Fledermäuse aufgehängt, deren Rumpf in Schläger mündet, mit denen hübsche Knoblauchknollen durch die Gegend bugsiert werden.

Die Runden müssen also in Stickige. In Aussparungen für die Särge, nämlich. Unerbittlich läuft die Sanduhr. Ein Farbwürfel gibt vor, welche Särge angesteuert werden müssen. Die verdeckte Vorderseite der Sargplättchen zeigt an, wie viele Punkte sie wert sind. Wohl denjenigen, die sich gemerkt haben, wo die wertvollsten Vampire wohlig schlummern – und wo vielleicht nur weiterer Knoblauch. Knoblauch in Särgen? Wie gesagt: Die Geschichte ist ein bisschen dünn.

Das macht aber überhaupt nichts: In dieser Villa kommt richtig Stimmung auf. Immer ein Kind kämpft sich an den Schlägern ab und an den Knollen, die bemerkenswert unrund rollen, während die anderen Kinder mit Argusaugen die Sanduhr bewachen.

Zwei Herrschaften – genauer: eine Herr- und eine Damschaft – bringen zusätzliche Würze in das Knoblauchkugeln. Graf Knolle geht am Ende der Partie an jene Person, die am meisten Särge mit Knoblauchsymbolen gesammelt hat. Und die feine Gräfin Eckzahn hat ihr Domizil auf einem Herzteppich bezogen – wer ihre Standfigur gewinnt, bekommt Särge mit Krönchensymbol. Ja, auch von den Mitspielern. Nebenher: Bei jüngeren oder nicht ganz frustresistenten Kindern kann man diese Regel einfach weglassen, auch wenn es das Spiel offiziell nicht hergibt.

Was das Spiel aber hergibt, ist eine raffinierte Mischung aus Geschicklichkeits- und Merkspiel, gut austariert, toll ausgestattet und hochemotional. Also: Aufstehen! Die nächste Partie wartet.

Stefan Gohlisch

Die ausgezeichneten und empfohlenen Spiele 2022

Best of 2022

„Cascadia“ ist das Spiel des Jahres, „Zauberberg“ ist das Kinderspiel des Jahres, „Living Forest“ ist das Kennerspiel des Jahres. Sie konnten sich gegen die mit einer Nominierung ausgezeichneten Spiele – „Scout“ und „Top Ten“, „Auch schon clever“ und „Quacks & Co.“ sowie „Cryptid“ und „Dune“ durchsetzen. Weitere herausragende Spiele befinden sich auf den drei Empfehlungslisten.

Krieg in der Ukraine: Brettspiele im Bunker

Malyutenko

„Das Ausmaß der Zerstörung ist schrecklich“, berichtet Mikhail Malyutenko, der aus Saltiwka, einem Stadtviertel der ostukrainischen Großstadt Charkiw, stammt, in einer E-Mail an den Verein Spiel des Jahres. „Die Russen zerstören absichtlich die Wohngebäude und töten Zivilisten, einfach weil sie es können.“ Am 1. Mai wurde auch das Haus, in dem Malyutenko wohnte, von mehreren russischen Raketen getroffen.

Mikhail Malyutenko

Mikhail Malyutenko und einige seiner Lieblingsspiele

Mikhail Malyutenko hatte eine große Brettspielsammlung und informiert als „magic_geek“ auf Instagram über sein Hobby, aktuelle Brettspiele und die kulturelle Bedeutung des Spielens. Jetzt hat er im zentralukrainischen Krementschuk Zuflucht gefunden, denn Saltiwka ist nur noch eine Geisterstadt. In der Bibliothek von Krementschuk hat er einen Spieletreff für die Geflüchteten initiiert. Brettspiele würden den Menschen helfen, Kontakte zu knüpfen und ins Leben zurückzukehren, meint Malyutenko. Spiele dafür hat er unter anderem vom Verein Spiel des Jahres erhalten, den er um Hilfe gebeten hat. Denn seine Sammlung, die sämtliche Preisträger seit 1979 umfasste, hat er verloren.

Haus

Das Haus, in dem Malyutenko gewohnt hat: getroffen von russischen Raketen

Tatsächlich gebe es ukrainische Verlage und Spiele in ukrainischer Sprache, erläutert Mikhail Malyutenko. Viele Titel fehlten aber, darunter „Catan“, „Carcassonne“ und „Die Legenden von Andor“. Sie gebe es leider nur von russischen Verlagen, die sich zwar die Rechte für eine Veröffentlichung auf Ukrainisch gesichert hätten, diese aber nicht nutzen. Malyutenko geht davon aus, dass hinter diesen „schmutzigen Praktiken“ die Vorstellung eines angeblich gemeinsamen russischen Kulturraums steckt. Er kritisiert die Gleichgültigkeit auch einiger deutscher Verlage, die teilweise die Lizenzgeber sind.

SdJ-Spiele

Mikhail Malyutenko hat seine Spiel-des-Jahres-Sammlung, die 43 Spiele umfasste, im Krieg verloren

„Ukrainische Verlage werden daran gehindert, zu wachsen, sich zu entwickeln und Geschäfte zu machen.“ Nichtdestotrotz hätten sie Hunderte Spiele an Notunterkünfte im ganzen Land gespendet. „Selbst unter schrecklichen Bedingungen ohne Tageslicht leben die Menschen weiter, und analoge Spiele helfen dabei sehr“, ist Mikhail Malyutenko überzeugt. „Kingdomino“, „Codenames“, „MicroMacro Crime City“, „Krasse Kacke“, „Just One“, „Dixit“ gehörten zu den Spielen, die in den Schutzräumen angekommen seien.

„Ich war so deprimiert“, sagt der 33-Jährige. „Brettspiele sind ein Lichtblick in der Dunkelheit, in der wir uns jetzt alle gegen unseren Willen befinden.“ Malyutenko liebte schon immer Spiele, die es Menschen ermöglichen, zu interagieren, zu lachen und eine tolle Zeit zu haben. Mit dem von ihm beobachteten Trend hin zum „Multiplayer Solitär“ oder gar zum Solomodus kann er nichts anfangen.

Spiele im Bunker

Drei Kennerspiele im Schutzraum: Die Menschen leben in Angst

Auch wenn er nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Grenze zur russischen Föderation wohnt, sind die Terrorangriffe des Putin-Regimes weiterhin eine Bedrohung für Malyutenko und alle anderen dort lebenden Menschen. Von U-Booten abgefeuerte Raketen können Tausende Kilometer weit entfernt für Zerstörung sorgen. Der Krieg sei für ihn und seine Familie die härteste Herausforderung in ihrem Leben, er habe schlimmste Sachen gesehen.

Auch an dem Wochenende, als das Spiel des Jahres 2022 verkündet wurde, gab es wegen eines Raketenangriffs Luftalarm. Mikhail Malyutenko hat „Cryptid“, „Dune Imperium“ und „Living Forest“ mit in den Bunker genommen. „Werde ich erfahren, was als Kennerspiel des Jahres gewinnt, oder wird es der letzte Tag meines Lebens sein?“, beschreibt er, was er an dem Tag gedacht hat.

Harald Schrapers

spielboxDieser Artikel erschien zuerst in der spielbox Heft 4/2022.

Information und Orientierung: Die neue Broschüre

Der Verein Spiel des Jahres hat eine kostenlose Broschüre mit Informationen zu den ausgezeichneten und empfohlenen Spielen des Jahrgangs 2022 zusammengestellt. „Brettspiele sind international – die Ideen für tolle Erlebnisse am Spieltisch kommen von Autorinnen und Autoren aus vielen Ländern der Welt“, stellt der Vorsitzende des Vereins, Harald Schrapers, in seinem Vorwort fest. 22 Spiele ➜ haben die Jury für das Spiel und Kennerspiel sowie die Jury für das Kinderspiel des Jahres aus hunderten Neuerscheinungen ausgesucht. „Die Vielfalt ist sehr groß“, betont Schrapers. „Es gibt Brett- und Kartenspiele für alt oder jung, viel oder wenig Zeit, große oder kleine Gruppen, für besonnene Strategen und lustige Runden. Hier in dieser Broschüre finden Sie garantiert das richtige Spiel.“

In dem 32-seitigen Heft werden die Spiele in Text und Bild präsentiert. Ebenso gibt es hilfreiche Informationen wie Angaben zur Länge, zum Anspruch des Spiels sowie zum empfohlenen Einstiegsalter.

Die Broschüre kann vom Fachhandel sowie Veranstalter:innen von Spieleevents in den benötigten Stückzahlen direkt beim Spiel des Jahres e.V. angefragt werden. Außerdem steht sie zum Download bereit: Ausgezeichnete Spiele 2022 ➜

Stefanie Marckwardt geht, eine neue Beirätin kommt

Stefanie Marckwardt ist Ende Juli aus dem Verein Spiel des Jahres ausgeschieden. Die Berlinerin wirkte zehn Jahre in der Jury Kinderspiel des Jahres mit, der sie zunächst als Beirätin angehörte, bevor sie 2016 in den Verein aufgenommen wurde. Als Lehrerin an einer brandenburgischen Grundschule hatte sie von Anfang an die passende Zielgruppe direkt an der Hand und das mit einer Spiele-AG umgesetzt.


Wie nicht anders zu erwarten, wurde diese AG ein großer Erfolg an der Schule und bot Stefanie Marckwardt die perfekte Plattform, die Botschaft, die der Spiel des Jahres e.V. mit seiner Kinderspiel-Auszeichnung verbindet, zu verbreiten: Brettspiele in der Breite der Gesellschaft zu verankern. Es war ihr immer wichtig, dass gute Kinderspiele nicht nur in eh schon spielaffinen Familien vorkommen. Auch deshalb hat sie die Impulse, die ihr die Schülerinnen und Schüler für ihre Jurytätigkeit gegeben haben, sehr geschätzt. Denn hier hat sie keine kleinen „Kennerspieler“ getroffen, sondern auch Kinder, die zuhause gar keinen Kontakt zu Brettspielen haben. Dass ihre Spiele-AG während der Pandemie zeitweise gar nicht oder nur eingeschränkt durchgeführt werden konnte, war nur ein Aspekt der Belastungen, mit denen die Schulen und die dort tätigen Lehrkräfte konfrontiert waren.

Stefanie Marckwardt ist eine begeisterte Spielerin, sie spielt im Kreis von Freunden und der Familie jede Art von Spiel, so wie es am besten passt: vom Kinderspiel (wobei ihre beiden Söhne aus dem Alter inzwischen raus sind) bis zum Expertenspiel. Stefanie Marckwardt hat sich entschieden, ihre Jurytätigkeit nun zu beenden. Der Verein Spiel des Jahres bedankt sich bei ihr für ihr jahrelanges und großes Engagement.

Neue Beirätin: Swetlana Zeiser


Die Beiratstätigkeit für das Kinderspiel des Jahres wurde erneut öffentlich ausgeschrieben. Aus 25 Bewerbungen wurde Swetlana Zeiser aus dem niederbayerischen Niederwinkling ausgewählt. Sie ist Erzieherin im Kindergarten St. Martin in Schwarzach und gehört nun der Kinderspiel-Jury an. Swetlana Zeiser tritt an die Stelle von Indra Dikhoff, deren Beiratstätigkeit nach zwei Jahren turnusmäßig ausgelaufen ist und für deren Tätigkeit sich der Spiel des Jahres e.V. bei ihr bedankt.

Empfehlungsliste Spiel des Jahres: „My Gold Mine“

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Mutig zum Drachenhort: Wer viel riskiert, kann viel gewinnen. Das ist das Motto in „My Gold Mine“ (Michael Loth, Christof Schilling und Hans Joachim Höh bei Kosmos), bei dem die Spieler:innen als mutige Zwerg:innen tief in ein gefährliches Verlies auf der Suche nach Goldschätzen vordringen.

In einem kurzen Hörspiel stellt Jurymitglied Bernhard Löhlein das Spiel von der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres näher vor.

Kulturkritik und Kritikkultur 2022

Schlewinski, Becker

Zum zweiten Mal fand in Hamburg der Tag der Brettspielkritik statt – die großen Themen waren Formen der Kritik und die Möglichkeiten der Professionalisierung. „Wir sind alle ganz unterschiedlich“, sagte Bernhard Löhlein, Sprecher des Vereins Spiel des Jahres. Diese Vielfalt sei ihm im Laufe der Tagung aufgegangen, zu dem die Jury Spiel des Jahres Journalist:innen, Blogger:innen, Youtuber:innen und Podcaster:innen eingeladen hatte.
Videos zum Tag der Brettspielkritik ➜
Podcast zum Tag der Brettspielkritik ➜

Viele Spielekritiker:innen waren der Einladung gefolgt

Jene Vielfalt, die Löhlein meint, ist eine Vielfalt der Medien, welche die aus allen Ecken des deutschsprachigen Raums angereisten Kritiker:innen für ihre Arbeit nutzen. Ob Podcast, Radio, Print und Video, kurze und lange Formen, als Hobby, halbprofessionell oder professionell: knapp 70 Personen waren der Einladung der Jury gefolgt. Wer auf die Teilnahmeliste des Tages der Brettspielkritik schaut, findet Menschen, die sich auf unterschiedlichste Arten mit Spielen beschäftigen. „Brettspielkritik und Kulturkritik im besten Sinne ist nicht nur eine Inhaltsangabe mit einem gepfefferten Fazit“, sagte der Chefredakteur der Zeitschrift Spielbox, Andreas Becker, in einem einleitenden Impulsvortrag. Der Mehrwert der Kulturkritik sei es, über das Nacherzählen von Regeln und das „Finden und Meinen“ hinaus eine „Analyse, Hintergrundinformationen sowie Parallelen zu anderen, als Referenz dienenden Werken“ zu sehen. Kulturkritik müsse den Gegenstand ihrer Betrachtung in den kulturellen Kontext der Zeit einordnen. „Wir wollen an der Qualität arbeiten“, so Becker. „Und da gibt es immer was zu tun.“

Der Koordinator der Kinderspieljury Christoph Schlewinski und Andreas Becker, Chefredakteur der spielbox, bei Beckers Eröffnungsimpuls

„Den Mut haben, verspielt zu sein“

Und zwar viel zu tun: In vierzehn Arbeitsgruppen, Gesprächsforen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen sprachen insgesamt 15 Journalist:innen über ihre Arbeit. „Wir glauben, unser Thema seien die Brettspiele“, sagte die Spiegel-Journalistin Maren Hoffmann in der von ihr geleiteten Arbeitsgruppe „Thema, Perspektive Struktur: Das breite Publikum ansprechen.“ „Aber nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch.“ Eine wichtige Frage, die sich Leser:innen, bewusst oder unbewusst stellten, sei immer: „Was hat das alles mit mir zu tun?“ Ausgehend davon sollten die Teilnehmer:innen sich Themen für Kritiken und Artikel über Spiele ausdenken. Um journalistische Formate jenseits der Kritik ging es auch in der Arbeitsgruppe des SWR-Journalisten Fabian Ziehe, in dessen Workshop Reportagen, Features und Portraits auf ihre Eignung für unterschiedliche Medien abgeklopft wurden. „Wir sollten den Mut haben, auch mal verspielt zu sein“, fasste Andreas Becker seine Arbeitsgruppe „Brettspielkritik: vielfältig, erzählerisch, glaubwürdig“ zusammen. Wünschenswert sei, „dass der Spaß am Spielen sich vielleicht auch mal auf den Leser überträgt.“ Auf ähnliche Art an die Basis des Sprechens über Spiele ging die Arbeitsgruppe „Was ist Spielreiz?“ des Journalisten Georgios Panagiotidis und des Jurymitglieds Udo Bartsch. „Spielkritik sollte immer vermitteln, was uns daran packen könnte“, sagte Panagiotidis. Allerdings sei es oft nicht einfach, meinte Spiel-doch-Chefredakteur Bartsch, zum Kern dieses Spielreizes vorzudringen. Die Teilnehmer:innen der Runde versuchten jedenfalls, bei den Spielen „Azul“ und „Just One“ den Kern dieses Reizes zu finden.

Hauke Petersen, Redakteur bei der Neuen Osnabrücker Zeitung, und der SWR-Redakteur Fabian Ziehe

Andere Arbeitsgruppen sollten den Teilnehmer:innen ganz praktische Werkzeuge an die Hand geben. In „Podcasts als Medium der Spielekritik“ berichteten die Jurymitglieder Manuel Fritsch und Nico Wagner aus ihrer Erfahrung. „Noch mehr als beim Schreiben ist das Podcasten ein Unterfangen von Amateuren“, sagte Fritsch, „aber das ist auch die große Stärke.“ Die Einstiegshürden seien niedrig – damit stünde es prinzipiell allen offen, zu podcasten. Podcasts seien immer auch ein „Nebenbeimedium“, das während des Arbeitsweges oder bei der Hausarbeit konsumiert würde. Johannes Jäger vom YouTube-Kanal Hunter & Friends sprach über seine Arbeit mit Brettspielvideos. Die wenigsten Youtuber:innen sähen sich als Kritiker, sagte er, sondern eher als Influencer. Notwendigerweise müsste im Video der Content sehr viel stärker verkörpert werden als das in anderen Medien der Fall sei. „Wir stehen mit unserer Persönlichkeit auch dafür ein“, sagte Jäger.

Der Youtuber Johannes Jäger und der Blogger Georgios Panagioditis

Raus aus der Brettspielblase

In vielen der Geprächsforen und Diskussionsrunden ging es auch um die Frage, wie die Teilnehmer:innen ihre jeweiligen Medien inhaltlich professionalisieren können. Denn viele betreiben ihre Blogs, Podcasts oder YouTube-Kanäle eher als Hobby, oft auch als Autodidakten. So lieferte der Tag der Brettspielkritik immer wieder Input von Profis. Jurymitglied und Radiojournalist Bernhard Löhlein, sprach beispielsweise über „Brettspiele im Interview“. Karsten Grosser, ebenfalls Jurymitglied und Redakteur bei der Neuen Osnabrücker Zeitung, sprach darüber, wie sich Spiele auf Fotos gut in Szene setzen lassen. Die Menschen sähen bei einem Artikel zuerst drei Dinge: Überschrift, Teaser und Fotos. Zwei Drittel der Menschen betrachten sich dies auf ihren Smartphones. Fotos müssten also auf kleinen Displays gut erkennbar sei, unterstrich Grosser. Es sei wichtig, „Details und Besonderheiten“ auf Bildern herauszustellen.

Andreas Becker und die Spiegel-Redakteurin Maren Hoffmann

Mehr Professionalisierung, die unterschiedlichen Medien mit ihren Möglichkeiten und ihren Beschränkungen für Kulturkritik im Allgemeinen und Brettspielkritik im Speziellen waren eine großes Thema während des Tages der Brettspielkritik. Ein anderes großes Thema war – wie in Maren Hoffmanns Arbeitsgruppe – die Frage danach, wie es möglich ist, ein größeres Publikum zu gewinnen, auch außerhalb der „Brettspielblase“. Dazu gehörte einerseits der immer wieder geäußerte Wunsch – oder vielleicht das Bedürfnis – Formate über Kritiken hinaus auszuprobieren. Dazu gehörten aber auch Fragen nach der Zielgruppe und die Frage, wie sich der produzierte Inhalt eigentlich verteilen lässt. Hierzu gab Daniel Wüllner, Teamleiter Social Media bei der Süddeutschen Zeitung, einige Hinweise. Zwar fände die Brettspielekritik selten in sozialen Medien selbst statt, so das Ergebnis des Gesprächsforums „Social Media und Spielekritik“. Unterschiedliche soziale Medien müssten unterschiedlich bespielt werden, um Publikum am Ende auf das Herzstück, die Kritik zu bringen, die allerdings meist woanders läge, sagte Wüllner. Eine große Chance sei der mögliche Dialog mit dem Publikum, um seine Interessen und Vorlieben besser kennenzulernen. Hierüber sprach auch Stefan Gohlisch, Kulturredakteur bei der Neuen Presse und Jurymitglied, in dem Gesprächsforum „Spielekritik und Zielgruppen“. „Der Spielejournalismus sollte weggehen von der Bewertung und dem Nacherzählen von Regeln“, sagte er. „Kennt eurer Publikum, erweitert euer Publikum, seid anders.“

Die Jurymitglieder Manuel Fritsch und Udo Bartsch

Distanz und Euphorie

In der Abschlussveranstaltung – einer Podiumsdiskussion – ermahnte Daniel Wüllner die Anwesenden, dass – trotz der engen Beziehungen zwischen Verlagen, Spieleautor:innen und Kritiker:innen – es eine „notwendige Distanz“ gäbe, um sich „nicht dem Vorwurf der Befangenheit auszusetzen.“ Dies sei die „Gefahr einer nicht mehr ganz so kleinen Szene.“ Eine Spielekritik sei „weder ein Freundschaftsdienst noch eine Bezahlung fürs Spiel“, betonte Wüllner.

Jury-Sprecher Bernhard Löhlein, Daniel Wüllner (Süddeutsche Zeitung) und die Jurymitglieder Stephan Kessler, Karsten Grosser und Stefan Gohlisch

Der Spieleautor Jens-Peter Schliemann, Andrea Milke, Senior Manager Kommunikation beim Verlag Amigo, und Britta Stöckmann, Licensing Manager bei Knizia Games, waren als externe Gäste auf dem Podium anwesend, das vom Jury-Vorsitzenden Harald Schrapers (spielbox) moderiert wurde. „Ich möchte, dass unsere Spiele authentisch rezensiert werden“, sagte Milke, Kritik allerdings solle auch hilfreich sein. Stöckmann bekräftigte, dass Kritiken bei ihrer Arbeit nützlich seien und teilweise auch bei späteren Auflagen der Spiele mit berücksichtigt würden. „Ich liebe auch Leute, die mir die Prototypen zerfetzen“, sagte die ehemalige Huch-Redakteurin. Auch für Schliemann sind Kritiken wichtig, sagte er. Er hätte lernen müssen, sie zu empfangen – aber er brauche sie auch. Dennoch sei für ihn die Kritik der „Euphorie“ der Kreativität entgegengesetzt. „Vielleicht müsstet ihr auch mal Euphoriker sein“, appellierte er an die Anwesenden.

Abschlusspodium mit externen Gästen – von links nach rechts: Spieleautor Jens-Peter Schliemann, Andrea Milke (Amigo), der Jury-Vorsitzende Harald Schrapers und Britta Stöckmann (Knizia Games)

Emotionen – also das unmittelbare Vermitteln von Freude am Spielen – hätten den Tag der Brettspielkritik 2019 bestimmt, sagte Bernhard Löhlein zum Abschluss der Tagung. In diesem Jahr habe er „Kulturkritik und Kritikkultur“ als bestimmendes Thema gesehen. Hiermit sei auch Selbstkritik der Teilnehmenden gemeint. Beides sei nicht selbstverständlich – aber doch wie selbstverständlich in der Szene angekommen, meinte Jury-Sprecher Löhlein.

Jan Fischer

Programm des Tages der Brettspielkritik 2022 ➜

Folge 27: Tag der Brettspielkritik

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Daniel Wüllner (Süddeutsche Zeitung) beim Abschlusspodium

Vom 18. bis zum 19.6. 2022 fand in Hamburg zum zweiten Mal der Tag der Brettspielkritik statt. Wichtige Themen waren Formen der Kritik und die Möglichkeiten der Professionalisierung. Knapp 70 Personen waren der Einladung der Jury gefolgt, in vierzehn Arbeitsgruppen, Gesprächsforen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen sprachen insgesamt 15 Journalist:innen über ihre Arbeit.

Youtuber Johannes Jäger (links) und Spielejournalist Georgios Panagioditis (rechts)

Um die vielen Eindrücke zu reflektieren, haben wir drei Vortragende in den Podcast gebeten: Die Spiegel-Journalistin Maren Hoffmann, die die Arbeitsgruppe „Thema, Perspektive Struktur: Das breite Publikum ansprechen“ leitete, den Spielejournalisten Georgios Panagiotidis, der zusammen mit Jurymitglied Udu Bartsch die Frage  „Was ist Spielreiz?“ zu beantworten versuchte und Daniel Wüllner, Spielejournalist und Teamleiter Social Media bei der Süddeutschen Zeitung, der das Gesprächsforum „Social Media und Spielekritik“ anbot.

Andreas Becker und die Spiegel-Redakteurin Maren Hoffmann