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Team 3: Bauen mit Perspektivwechsel

Team3

Seit vielen Jahren unterstützt die Jury des „Spiel des Jahres“ Projekte, deren Ziel es ist, das Spiel als Kulturgut in der Gesellschaft zu stärken. Hierbei wechseln die Schwerpunkte jährlich. Für 2020 werden bevorzugt Projekte unterstützt deren Ziel es ist, Menschen mit Handicaps den Zugang zu Spielen zu ermöglichen. Eine schöner Schwerpunkt – denn  Menschen mit Einschränkungen haben es ohnehin schwer genug, an der Welt der Brett- und Kartenspiele teilzunehmen.

Passend dazu fiel mir auf der Spiel 2019 in Essen „Team 3“ von Alex Cutler und Matt Fantastic (erschienen bei Abacusspiele) ins Auge. Das Spiel erleichtert Menschen mit Einschränkungen zwar nicht unmittelbar die Teilnahme am Spiel. Allerdings macht das Spielprinzip gesunde Menschen darauf aufmerksam, wie sich Menschen mit Handicap in ihrem täglichen Leben fühlen können. Ähnlich wie die Initiative „Dialog im Dunkeln“, bei der man in verschiedenen Orten Deutschlands Ausstellungen mit vollkommener Lichtlosigkeit besuchen und dort die Welt mit den anderen Sinnen erfahren kann.

In „Team 3“ müssen drei Personen versuchen, gemeinsam ein auf Karten dargestelltes Gebäude zu errichten, wobei genau festgelegt ist, wer was zu erledigen hat: Der Architekt sieht als einziger den Bauplan. Was darauf zu sehen ist, muss er dem Bauleiter erklären. Dieser wiederum gibt dem Bauarbeiter Anweisungen mit welchem Material er bauen soll.

Nicht so einfach, wie es klingt

Klingt einfach? Könnte es auch sein, wenn die daran beteiligten Personen nicht unter Einschränkungen bauen müssten: Der Architekt ist stumm und muss deswegen alle Anweisungen per Geste mitteilen. Der Bauarbeiter ist blind und kann daher die Gesten des Architekten nicht sehen. Als Vermittler dient der Bauleiter, der zwar taub ist, jedoch die Gesten des Architekten sehen und mündlich an den Bauarbeiter weitergeben kann. Und als ob das noch nicht genug wäre, tickt daneben die Uhr; denn zum Lösen der Aufgabe stehen der Gruppe maximal drei Minuten zur Verfügung. Und schon ist aus einer eigentlich recht einfachen Aufgabe eine mit gewissen Hürden geworden.

Wie schnell eine Gruppe mit diesen Vorgaben klarkommt ist unterschiedlich, wobei in meinen Testrunden aufgefallen ist, dass Menschen, die viel spielen, diese Hürden meist schneller überwinden konnten. Vielleicht, weil man durch das Spielen ständig dazu gezwungen wird, sich auf neue Situationen einzustellen und sie bestmöglich zu meistern. Damit aber auch jene Spieler noch gefordert werden, liegen dem Spiel Bauplankarten in drei Schwierigkeitsstufen bei.

Nicht jeder kann alles

Interessant zu beobachten ist, dass eine Gruppe, die aus immer den gleichen drei Personen besteht, nicht immer gleich gute Ergebnisse erzielt, wenn die Rollen unter den Teilnehmern getauscht werden. Das soll gemäß Spielregel nach jeder Runde passieren. Hier zeigt sich, dass die Stärken der einzelnen Teilnehmer oft in unterschiedlichen Bereichen liegen: Während die einen motorisch fit sind und es auch blind schaffen, ein Gebäude zu errichten, ohne es immer wieder umzuwerfen, bekommen andere den verbalen Teil besser hin oder können gut gestikulieren. Meistens ist es aber so, dass nicht eine einzelne Person in allen drei Bereichen Spitzenleistungen erbringen kann.

Der Verlag empfiehlt „Team 3“ für drei bis sechs Personen. Spielt man zu viert, ist jede Runde ein Mitspieler zum Zuschauen gezwungen, was nicht ganz optimal, aber hinnehmbar ist. Damit ist der Hinweis „3 – 6 Spieler“ auf der Verpackung ein wenig  irreführend, denn mit fünf Teilnehmern wären letztlich zwei Personen pro Runde zur Untätigkeit gezwungen.

Anders sieht es in Partien mit sechs Spielern aus. Da können jeweils zwei Teams gegeneinander antreten, indem beide das Gebäude derselben Bauplankarte errichten. Dieser Wettbewerb bringt gehörig Druck ins Spielgeschehen, viel mehr noch als die Zeitvorgabe im normalen Spiel. Bei einem dieser Spiele hatte ein Team mal einen ziemlich unfähigen Architekten. Da orientierte sich der Bauleiter kurzerhand an dem, was der Bauarbeiter des gegnerischen Teams bereits gebaut hatte und begann, dies dem eigenen Bauarbeiter zu beschreiben, ohne weiter auf seinen Architekten zu achten. Nach dieser Erfahrung gab es bei uns immer Sichtsperren zwischen den beiden Teams.

Für mich persönlich bietet die Variante für sechs Spieler den langfristigsten Spielreiz. Allerdings benötigt man dafür auch zwei Ausgaben des Spiels. Am besten holt man sich dann eine pinke und eine grüne Version. Die beiden unterscheiden sich hinsichtlich der Bauplankarten als auch der Mini-Erweiterungen.

In der grünen Mini-Erweiterung bekommt jetzt der fünfte Spieler seine Daseinsberechtigung. Hier gibt es nämlich zwei (einfache) Bauaufträge gleichzeitig. Einen davon muss der Bauarbeiter mit der linken und einen mit der rechten Hand errichten. Die Anweisungen dazu gibt es von zwei Bauleitern, die ihre Anweisungen wiederum von zwei Architekten erhalten. Die Mini-Erweiterung in der pinken Schachtel verlangt den Spielern räumliches Sehen ab, denn die Gebäude sind auf den Karten nicht mehr flach abgebildet, sondern es wird die Seitenansicht einer 3-dimensionalen Konstruktion gezeigt. Eine wahre Herausforderung!

An Regel und Spielmaterial gibt es absolut nichts zu bemängeln, die Schachtel ist gut mit Material gefüllt und einfach die Bausteine hineinzuwerfen, das funktioniert nicht. Hier ist schon ein wenig Ordnung gefragt, um alles wieder unterzubringen. Schade ist nur, dass eine Augenmaske, die es als Messe-Goodie gab, nicht im eigentlichen Spielumfang enthalten ist.

Empathie und Inklusion gehen uns alle an. Ich finde, dass sich dieses Spiel hervorragend dafür eignet, den Spielern durch ein eigenes Erlebnis Perspektivwechsel zu ermöglichen!

Sandra Lemberger