Sophia Wagner gewinnt Förderpreis von Spiel des Jahres

Wie erfolgreich die Wege der bisherigen Stipendiaten verliefen, zeigt eindrucksvoll das Wochenende um den 07. Juni 2015, an dem während des Spiele-Autoren-Treffens in Göttingen zum 20. Mal das vom Verein Spiel des Jahres getragene Spieleautoren-Stipendium vergeben wurde.

Ebenfalls in Göttingen hat die SAZ turnusgemäß ihren Vorsitzenden gewählt. Ulrich Blum, der scheidende Vorsitzende, hat 2009 das Stipendium erhalten. Marco Teubner, sein Nachfolger, ist Stipendiat des Jahres 2003. Bei der Preisverleihung für das „Kinderspiel des Jahres“ 2015 traten am 08. Juni 2015 in Hamburg zwei ehemalige Stipendiaten sogar in direkte Konkurrenz. Nominiert waren Karin Hetling (2010) mit SCHATZ-RABATZ und Wolfgang Dirscherl (2001) mit PUSH A MONSTER. 

Für das Autoren-Stipendium 2015 sind zehn Bewerbungen eingegangen. Drei Nachwuchsautoren und zwei Autorinnen wurden nominiert, die die Juroren Jochen Corts, Jens-Peter Schliemann und Janosh Kozák gründlich unter die Lupe nahmen. Wie in den letzten Jahren ist das Stipendium mit einer Fördersumme in Höhe von 3000 Euro verbunden, die der Finanzierung der Nebenkosten von vier einwöchigen Praktika dient.

Praktikumsplätze bieten 2015/16 die Firma Ravensburger, das Deutsche Spielemuseum in Chemnitz, die Spieleburg Göttingen und Jens-Peter Schliemann an. Da sein SpieleErfinderStudio in seiner bisherigen Form nicht mehr besteht, ist Schliemanns Angebot jetzt universitär geprägt. Die Stipendiatin begleitet ihn während eines Spielerfinderseminars am Cologne Game Lab, ein Studienangebot der kulturwissenschaftlichen Fakultät an der Fachhochschule Köln.


Sophia Wagner, Stipendiatin 2015

Der 20. Preis ging 2015 nach Potsdam. Sophia Wagner, die mit 30 Jahren jüngste Kandidatin, ist Geowissenschaftlerin. Ihr Magisterstudium hat sie im Herbst 2014 an der Universität Potsdam abgeschlossen.  Schon als Kind hat sie sich spielerische Welten auf vielen zusammengeklebten DIN A4-Blättern erschaffen, mit Regeln, die nur sie und ihr damaliger Freund verstanden, die sie aber tagelang unterhalten konnten. Seit 2011 beschäftigt sie sich ernsthaft mit dem Spieleerfinden, war 2013 erstmalig auf dem Autorentreffen in Göttingen und ist inzwischen regelmäßig an einem Berliner Spieleautorenstammtisch beteiligt. Nach dem Abschluss ihres Studiums hat sie sich ausschließlich auf die Entwicklung ihrer Prototypen konzentriert.

In Göttingen stellte sie ihre erste Spielidee APOCALYPSE DAEMONICUS vor. Ihr Kampf der Magier findet dabei auf einem beweglichen Spielplan statt, der durch seine Variabilität besonders Vielspieler anspricht. Auch GOBLIN GOLD RUSH ist ein eher komplexes Spiel mit einer witzigen Hintergrundgeschichte. Da fährt ein Goblin mit einer alten Dampflokomotive durch den Wilden Westen. Die Bewegung in unterschiedlichen Landschaften regulieren drei Kessel der Goblin-Lok. Eine spannende Fortbewegung, zumal die Kessel, wenn sie zu sehr unter Dampf stehen, explodieren können.

Die Jury war besonders von der Intensität überzeugt, mit der Wagner ihre Spielentwicklungen angeht, sie habe sich dem Spiel verschrieben. Trotz eines gewissen Sogs zum Komplexen sei Sophia Wagner breit aufgestellt. Sie arbeite vor einem fundierten theoretischen Hintergrund, zeige viel Kreativität und entwickle pfiffige Ideen. Durch die Praktika kann sich die junge Autorin nun weiter entfalten. Über ihre Erfahrungen in Ravensburg, Chemnitz, Göttingen und Köln wird sie bald an dieser Stelle berichten.

Neben Sophia Wagner waren nominiert:

Daniel Fehr, ein Kandidat aus der Schweiz, der die meisten seiner Spiele zusammen mit der Autorin Monika Wilhelm entwickelt.  Fehr, Jahrgang 80, promoviert im Fachbereich Germanistik an der Princeton University. Vorher studierte er Fotografie in Zürich und New York. Mit der Entwicklung von Gesellschaftsspielen beschäftigt er sich ernsthaft seit zwei Jahren. Beim Hippodice-Wettbewerb erreichte er mit dem Legespiel ZING und dem Kinderspiel ZWERGLISPIELI 2014 und 2015 jeweils die Endrunde.

Mit Monika Wilhelm, die ebenfalls in Princeton studierte und inzwischen ordinierte Pastorin in St. Gallen ist, gründete er 2014 den Spieletreff Winterthur für Hobbyspieler, Vielspieler und Spieleautoren. Die dortige Aufbauarbeit unterstützt die Jury „Spiel des Jahres“ im Rahmen ihrer Projektförderung in diesem Jahr mit 1500 Euro.

Spielerisch setzt Fehr auf ALARM IM TIERSPITAL und hängt sich dabei etwas an die PANDEMIE-Welle an. In dem kooperativen Spiel mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen bekämpfen ein bis vier Spieler eine unbekannte Krankheit, die unter den Tieren ausgebrochen ist. Tierisch geht es auch in der VILLA PATUMBAH zu. Bär, Hase, Maus und Eule kämpfen mit jeweils eigenen Fähigkeiten in einer dreidimensionalen Villa gegen einen schwarzen Magier an.

Sven Groh, gerade einmal ein Jahr jünger als Fehr, kommt aus Ostfriesland, einer Gegend, der Uwe Rosenberg in diesem Jahr mit ARLER ERDE ein spielerisches Denkmal gesetzt hat. Grohs Lebensumfeld, das Moormerland, liegt nur rund 30 Kilometer südlich der Arler Kirche. Ein Ortsname, der fast einen Spieltitel hergeben könnte.

Groh ist Wirtschaftsingenieur und arbeitet für VW in Emden. Mitte der 90er Jahre fing er Feuer und begeisterte sich für Rollenspielsysteme wie DAS SCHWARZE AUGE. Intensiv entwickelt er Spiele seit vier Jahren.

Aus seiner Werkstatt brachte er IM BANN DES PHARAOS mit. Kurz zusammengefasst: Ein knizianisches Zweipersonenspiel, in dem die Spieler in einer Pyramide nach dem Grab des Pharaos suchen. Das Labyrinth erweist sich als äußerst tückisch und braucht für seine Bewältigung vorausschauende Planung. Das Glück lässt Groh in seinem Zwanzigminutenspiel allerdings nicht ganz außen vor. 
Anders verläuft das taktische Reaktionsspiel DIE PANZERKNACKER. Juweliere sind nicht mehr sicher, gleichzeitig schlagen Räuber zu und kommen sich in die Quere, zudem ist die Polizei noch unterwegs. Das Spiel rund um einen Tresor enthält pfiffige Momente, braucht gute Nerven und Reaktionen der Beteiligten.

Markus von der Heyde, Jahrgang 1972, stammt aus Clausthal-Zellerfeld, lebt jetzt als selbständiger IT-Berater in Weimar, wo er lange Zeit für das Service-Zentrum für Computersysteme und Kommunikation an der Bauhaus-Universität gearbeitet hat. Studiert hat er in Bielefeld, in Rochester im Bundestaat New York, war dann Doktorand am Max-Planck-Institut in Tübingen. Seine Promotion hat er schließlich wieder in der Stadt in Ostwestfalen-Lippe abgeschlossen.

Markus von der Heyde sucht neue Spielmechaniken, besondere Spielsteine, eine gesunde Mischung aus Strategie, Taktik und Glück. Im Vordergrund steht der schnelle Zugang. Mit einfachen und wenigen Regeln sollen auch Grundschulkinder mit seinen Ideen etwas anfangen können, Spaß haben und vielleicht etwas lernen. Sein Credo: Eine Regel muss auf eine Postkarte passen! Und das gelingt von der Heyde besser als manchem Verlag.

Typisch dafür ist sein Spiel CLAIM, das in Alaska spielt. Die Spieler laufen anfangs dabei über Claims und geben Gebote ab. In der Wertungsphase werden die Gebiete dann versteigert. Von der Heydes Idee zeichnet sich durch eine unmittelbare Interaktion zwischen den Spielern aus. Abstrakter geht es in dem Zweipersonenspiel PYRAGO zu. Ein Tetraeder-Duell um Bauplätze für Pyramiden, wobei es vor allem darum geht, den anderen zu umzingeln, um Platz und Macht zu gewinnen.

Anna Oppolzer hat im letzten Jahr ihrem damaligen Partner und jetzigen Ehemann Stefan Kloß die Daumen gedrückt. Er gehörte 2014 zu den Nominierten und war ein heißer Gegenkandidat für den diesjährigen Juror Janosh Kozák. BEASTY BAR, die erste Veröffentlichung von Kloß, war in Essen 2014 einer der Geheimtipps. Die Heidelbergerin Oppolzer, ehemalige Waldorfschülerin, hat in der Stadt am Neckar Kunstgeschichte und Germanistik studiert und dort 2011 ein Magisterstudium beendet.

Danach hat sie unter anderem für die Kunstzeitschrift „Vernissage“ gearbeitet, mit Stefan Kloß zusammen in einem Kulturzentrum der Stadt Heidelberg ein Atelier eröffnet und ist seit Herbst letzten Jahres Gesellschafterin der Mosaik Atelier GbR. Seit einem Jahr ist sie auch Mitglied der SAZ.

Spiele erfindet sie seit zwei Jahren. Ihre erste Spielidee, DIE DÄMONENINSEL, wurde im aktuellen Spielautoren-Wettbewerb für Familienspiele ausgezeichnet. Für das Stipendium des Vereins „Spiel des Jahres“ hat sich Anna Oppolzer die beiden Kinder- und Familienspiele PALAST DER BRILLENSCHLANGEN und ABSTAUBER ausgedacht. Die erste Idee ist ein raffiniertes taktisches Legespiel, bei dem kleine Schlangen sehr lebendig über den Spielplan kriechen, um Horn-, Zwickel- und Lesebrille einzusammeln. ABSTAUBER ist ein Kartenspiel, in dem Kinder ab sechs Jahren den Staubwedel schwingen. Vier Putzkräfte haben eine Menge zu tun, damit die Wohnung sauber wird. Pfiffige Spiele, die die Autorin graphisch gut in Szene gesetzt hat.

Zur 20. Vergabe des vom Verein „Spiel des Jahres“ getragenen Spieleautoren-Stipendiums würdigte Spiel des Jahres das Engagement des ersten Stipendiaten: Jens-Peter Schliemann, der 1995 den Preis erhielt, blieb dem Stipendium verbunden. Seit rund 15 Jahren übernimmt er für die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) die Jurorentätigkeit bei der Suche nach seinen Nachfolgern. Seit fast zehn Jahren betreut er eine Woche lang die Stipendiaten, die damit Einblick in sein Erfinderstudio erhielten. Für diesen Einsatz bedankte sich Spiel des Jahres bei Jens-Peter Schliemann vor der Preisverleihung des diesjährigen Stipendiums.

Wieland Herold