Wer kann, wer mag?

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Dienstag, 10. November 2015

In der bekannten kleinen Gemeinde am Rande der Großstadt München öffnet wieder einmal der Spiele-Treff seine Tore. Die ersten Spieler treten durch das kupferne Kirchenportal und begeben sich schnurstracks zum Spieleschrank, um sich für die erste Runde des Abends zu versorgen.

Ich habe ein paar neue Spiele dabei, die ich gerne ausprobieren möchte. Der Ruf geht in die Runde: Ich hab´ was Neues, wer mag mitspielen? Ich weiß nach etlichen Jahren schon, welche Reaktionen zu erwarten sind: Manche ignorieren die Aufforderung komplett, sie haben sich schon ihr Wunschspiel des Abends geschnappt und sind vielleicht sogar im Nebenraum verschwunden, um etwas ungestörter zu sein.

Manchmal aber erwische ich sie noch, und dann entspinnt sich etwa folgende Konversation:
Wer kann denn das neue Spiel mit mir spielen?
Hihi, servus Chris. Jaja, sehr gerne, nur heute passt´s nicht so ganz. Andrea und ich hatten uns schon auf DIE ALCHEMISTEN verabredet, und da gehen wir gleich in den Nebenraum, auch wegen der App und so. Hihi. Aber das nächste Mal ganz bestimmt, oder vielleicht ist ja später noch etwas Zeit ...

Spieletreff

Die beiden sind ausgesprochene Vielspieler: Andrea studiert nach einigen Babyjahren wieder Mathematik. Sie ist für fast jedes Spielegenre zu begeistern und hilft so freiwillig wie emsig bei allen Spielveranstaltungen mit. Robert ist Chemiker, 27, hat eine blonde Wuschelmähne und promoviert gerade in theoretischer Physik über ziemlich unverständliche Dinge. Er hat die schon fast unheimliche Eigenschaft, komplexe Spielregeln detailliert in unglaublicher Geschwindigkeit zu beherrschen und für andere in verdaubarer Dosis zum Mitspielen rüberzubringen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Regel auf Deutsch oder Englisch der Spielschachtel beiliegt.

Andrea und Robert verfügen darüber hinaus über zwei außergewöhnliche Gedächtnisse und sind schier unerschöpfliche Quellen bei Regelfragen längst vergessener Spiele. Beide sind am liebsten mit komplexen Kennerspielen oder gerne auch in der Kategorie darüber meist in Viererrunden unterwegs. Ihre Smartphones sind gespickt mit den passenden Apps. Manchmal tauchen sie allerdings spät am Abend wieder aus dem Nebenraum auf: Wollen wir noch was Kleines zusammen spielen? Du hattest doch da noch etwas, was wir noch nicht kennen. Magst Du? Hihi.

Spieletreff

Mit Thomas habe ich in der Regel mehr Glück. Er kann mitspielen, und er mag auch. Und er ist absolut verlässlich. Daher hat er auch einen Schlüssel zur Kirche. Er arbeitet im Nachbarort bei einem großen Hersteller für Drucker. Thomas ist immer für jede Art von Spiel bereit, möchte aber auch immer gewinnen. Das ermöglicht den Mitspielern kleine Denkpausen, die bisweilen für kurzes Luftschnappen reichen. Thomas ist leidenschaftlicher Spieler, man kann ihn als Vollblut-Crossover-Spieler bezeichnen. Er ist bei High-End-Spielen sofort dabei, genauso wie bei Kinderspielen. Veranstalte ich einen Spiele-Treff für Kinder, ist er der Erste, der bei der Organisation hilft und am Nachmittag gleich noch sieben Kids aus einem Nachbardorf mitbringt.

Eine Gruppe für sich ist der DOG-Clan. Der besteht aus Karina, Eva, Tanja und Christian. Karina ist die beste Freundin von Eva. Die wiederum ist Tanjas Mutter, und Christian ist ein passionierter Spieler, der sich tagsüber als Banker verkleidet. Allen ist gemeinsam, dass sie sich in der Segenskirche treffen, um mindestens einmal am Abend eine Runde DOG zu spielen.

Der DOG-Clan

Karina ist meine zweitälteste Mitspielerin und meine älteste regelmäßige Treff-Besucherin. Sie ist gerade mal 83, eingefleischter Apple-Fan mit iPhone und iPad und hat eine diebische Freude daran, mich beim Spielen zu ärgern. Dann blitzen die kleinen Augen und sie schiebt mir als Trost ein paar Gummibärchen herüber. Sie ist jederzeit bereit, Neues auszuprobieren, wenn es denn nicht länger als eine gute Stunde dauert.

Nur die Regel, die liest sie nicht. Punkt. In ihrem Alter kann man so etwas ja wohl erklärt bekommen. Karinas Lieblingsspiel ist – natürlich neben DOG – STONE AGE, und sie ist besonders stolz auf ein vom Autor signiertes Exemplar, das sie zum 80. Geburtstag bekommen hat. Seit fast 15 Jahren führt sie Buch über alle Spiele, die sie gespielt hat. Manchmal klärt sie uns dann auf, dass wir am ersten Dienstag im Mai 2003 CARCASSONNE gespielt haben.

Eva ist 62, ruhig, umsichtig und weise. Manchmal bringt sie köstliches Selbstgebackenes mit. Auf die Frage, ob sie ein neues Spiel mitspielen mag, kommt meist, dass es aber bitte ein richtiges Thema haben sollte und sie mit der Farbe Rot spielen möchte. Dafür redet sie am Ende auch nicht lange herum, falls es ihr nicht gefallen hat. Eva hilft mir auch stets an Kinderspielnachmittagen. Da ist sie für jedes Kinderspiel zu haben, allein schon, um eine Anregung für die nächste Runde mit ihrer kleinen Enkeltochter zu bekommen.

Tanja ist noch keine 40, Evas Tochter und Vizedirektorin eines Online-Rating-Portals für Investments. Tanja ist wie ihre Mutter ruhig und besonnen, hat das Herz am richtigen Fleck und mir seit fast 20 Jahren beim Aufbau des Spiele-Treffs geholfen. Sie ist passionierte Spielerin und gehört einer DAS SCHWARZE AUGE- sowie einer ANDOR-Gruppe an. Frage ich danach, wer mit mir spielen kann oder mag, ist Tanja stets dabei. Wenn sie einen Wunsch hat, dann geht der in Richtung kommunikatives Spiel, denn da fehlen ihr häufig die Mitspieler. Hat sie ein neues Exemplar dieser Gattung entdeckt, höre ich: Hey Chris, das ist doch was für uns!

Christian schließlich ist um die 50 und tut im Zivilleben Dienst in einer Bank. Er steht auf Klassiker und ist bei allen WIZARD- und CATAN-Turnieren dabei. Wohl seiner Profession geschuldet, erzählt er immer wieder gerne, zu welch supergünstigem Preis er welche Spiele ergattert hat. Ganz wichtig ist ihm auch das Vorlegen seiner Urlaubsfotos und die Anzahl der Spiele, die er auf einer Australiendurchquerung im Rucksack hatte.

Die vier sind eine eingeschworene Truppe. Ich nehme gerne den fünften Platz ein, lieber noch den vierten, falls einer fehlt. Denn zu dritt ist der DOG-Clan ein Torso.

Im Spieletreff ist meistens noch ein weiterer Christian, und der ist seiner Zeit schon weit voraus. Er kauft amerikanische Urfassungen, ist bei jedem zweiten Kickstarter-Projekt dabei und kennt viele Spiele schon, bevor sie für Otto und Erna Normalspieler die deutsche Grenze überschritten haben. Wenn er mich sieht, fragt er stets: Na, was magst du heute spielen?

Auch Christian kann komplexe Spieleinhalte auf das Wesentliche reduzieren und hat großen Spaß daran, neue Kennerspiele und noch Anspruchsvolleres auszuprobieren. Zu viel Zufall und Beliebigkeit sind ihm ein Graus. Christian ist Vater von vier Kindern und hat bei seiner Hochzeit alles auf CATAN ausgerichtet, nachdem er seine Frau beim Spielen mit "Tausche Schaf gegen Kuss" kennen gelernt hat. Nachdem er sich in uralten Programmiersprachen auskennt, sorgt er tagsüber dafür, dass Bankensoftware auf dem neuesten Stand ist.

Spieletreff

Cindy ist eine alte Freundin aus Amerika, die uns meist einmal im Jahr besucht. Sie war District Manager bei Coca Cola und arbeitet jetzt mit 56 kurz vor dem Ruhestand für den Verband der amerikanischen Milchfarmer. Sie ist ein Wenigspieler der besonderen Art. Jeden Sonntag besucht sie in ihrer Heimatstadt in Minnesota zum Frühstück das Caribou-Café. Im Schlepptau hat sie ihren Lebenspartner und ein Spiel.

Allerdings hat sie nur das eine und mag auch nur das eine spielen: TAKE IT EASY. In der Schachtel liegt ein Zettel, auf dem die Ergebnisse der letzten Jahre notiert sind. Sonntag für Sonntag. Kommt sie mit einem ihrer Söhne zu uns nach Deutschland, spielt sie auch mit, aber kaum sieht sie ihre Felle davonschwimmen, macht sich eine unglaubliche Verzweiflung auf ihrem Gesicht breit und die Augen bekommen einen feuchten Glanz. Das ist der Zeitpunkt, an dem ihr Sohn die Geschicke in die Hand nimmt und mit wenigen Erläuterungen Mutter aus der Bredouille führt.

Spiele-Treff

Aus vielen Spieler-Charakteren, die mir über die Jahre ans Herz gewachsen sind, habe ich neun herausgegriffen. Alle tragen die Liebe zum Spiel in sich und leben das auch. Das Spiel verbindet diese verschiedenen Typen auch in Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Ich bin stolz und froh darüber, dass einige bereits seit zwanzig Jahren meine spielerischen Weggefährten sind. Die Unterschiede zwischen ihnen mögen recht groß sein, aber allen ist eines gemein: Ich kann nicht nur mit ihnen spielen, ich mag es auch.