Spieleautoren-Stipendium 2015/16

Bericht Teil 4: Praktikum bei Spiele-Autor Jens-Peter Schliemann

Sophia Wagner

Von Sophia Wagner

Mein viertes Praktikum durfte ich mit dem erfahrenen Spieleautor Jens-Peter Schliemann verbringen. Jens-Peter, der 1995 das allererste Spieleautoren-Stipendium gewann, hat sich hauptberuflich dem Erfinden von Spielen verschrieben. Hauptsächlich sind dies Kinderspiele, doch auch abstrakte Spiele faszinieren ihn. Die meisten seiner Spiele entstehen in Kooperationen, so ist beispielsweise „Burg Appenzell“ im Team mit Bernhard Weber entstanden, „Das Geheimnis der Zauberer“ mit Guido Hoffmann, die „Nacht der Magier“ mit Kirsten Becker. In seinem „Fire and Ice“ merkt man Jens-Peter die Faszination für Mathematik an, aus der heraus dieses abstrakte Spiel entstand. 

Für mich ist sowohl der Bereich der Kinderspiele, als auch das Arbeiten in Kooperationen mit anderen Spieleautoren Neuland. Umso interessanter war es, eine Woche lang einen Einblick in den Erfinderalltag von Jens-Peter zu bekommen, der mich auch zu ein paar Treffen mit anderen Spieleautoren mitnahm. Als ich in Köln ankam, konnte ich gleich zu einem Treffen mit einer Spieleerfinderin dazukommen, die Spiele für alte Menschen und zum Spielen in Altenheimen entwickelt. Die Anforderungen sind ganz andere als für Kinderspiele oder Familienspiele - ich hatte diese Zielgruppe bislang kaum wahrgenommen. Auch im Angebot der Spieleverlage scheint sie keine große Rolle zu spielen, obwohl unsere Gesellschaft doch immer älter wird.

In seinen kölner Arbeitsräumen zeigte mir Jens-Peter einige seiner bereits veröffentlichten Spiele. Viele zeichnen sich durch einen sehr aufwendigen, dreidimensionalen Aufbau aus. Während ich bisher davon ausging, dass die technische Umsetzung, die Wahl der Schachtelgröße und die Größe der einzelnen Teile eher Sache des Verlags ist, konzipiert Jens-Peter seine Spiele so, dass schon der Prototyp perfekt auf eine bestimmte Schachtel zugeschnitten ist. Mehr noch, seine Prototypen beziehen die Schachtel mit ein, so dass sie zum Teil des Spiels selbst wird. Jede Umdenkarbeit, die man den Redakteuren erspart, erhöht die Chance das Spiel bei einem Verlag unterzubringen, davon ist Jens-Peter überzeugt. Dementsprechend nimmt die technische Seite der Produktentwicklung auch einen großen Teil der Erfinderarbeit ein, zumal der perfekte Aufbau das Spielerlebnis unterstützt. Und gerade darum geht es in vielen seiner Spiele, das Erleben und die Faszination, die auch durch die Verwendung verschiedenster Materialien und ungewöhnlicher Aufbauten hervorgerufen wird. Während „Nacht der Magier“ im Dunkeln gespielt wird, schauen wir in „Glupschgeister“ durch durchsichtige, gummiartige Linsen, die das, was darunter vorbeizieht leicht verzerren, als würden wir in ein Aquarium schauen, in „Das Geheimnis der Zauberer“ hingegen wird mit Spiegeln gearbeitet. Interessant war es auch, zu sehen, welche Entstehungsschritte ein Spiel durchlaufen hat, bevor es veröffentlicht wurde und was sich die Autoren dabei gedacht haben. 

Bei einem Treffen mit Bernhard Weber konnte ich direkt bei der Weiterentwicklung eines Prototyps dabei sein.

Hier zeigten sich mir die Vorteile einer Kooperation: Ideen werden hin und her geworfen, das Spiel kann schnell mal angetestet, wieder abgebrochen und mit anderen Regeln erneut versucht werden. So etwas kann man nicht jedem außenstehenden Testspieler zumuten. Auch bringt jeder Spieleautor unterschiedliche Talente und Herangehensweisen mit, die sich in Kooperationen gut ergänzen können. Jede Kooperation ist anders, was ich bei einem Treffen mit zwei Lehrern merkte, die zusammen mit Jens-Peter an Lernspielen arbeiten. Den Kindern einen spielerischen Zugang zu Zahlen, Längen und Mengen zu ermöglichen ist eine ganz besondere Herausforderung, bei der man sich zunächst einmal in die Kinder hineinversetzen muss, um zu verstehen, welche Probleme es im Umgang mit diesen zunächst abstrakten Dingen geben kann.
Während des Praktikums spielten wir auch ein paar meiner Spiele, sprachen darüber und über andere, noch nicht verwirklichte Ideen. Dazu trafen wir uns auch mit dem Bonner Spieleautor, Rezensent, leidenschaftlichen Sammler und Leiter von Großgruppenspielen Christwart Conrad. So konnte ich auch zu meinen eigenen Spielen wertvolles Feedback mit nach Hause nehmen und Christwarts beeindruckende Spiele – Sammlung anschauen.

 

Das Praktikum bei Jens-Peter war für mich eine großartige und wichtige Erfahrung. In vielen Gesprächen könnte ich mehr über die Brettspiel-Branche und das Erfinden von Spielen erfahren. Ich erhielt Einblick in eine ganz andere Arbeitsweise eines Spieleautors und konnte mitbekommen, wie sich die Arbeit an Kinderspielen zu der an Spielen für Vielspieler unterscheidet. Sie ist anders, aber nicht weniger herausfordernd. Darüber hinaus bin ich ermutigt es vielleicht selbst einmal mit einer Kooperation mit anderen Spieleautoren zu versuchen.

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