Sommerpause heißt: Endlich mal spielen!

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Mittwoch, 6. September 2017

Ich erzähle Ihnen jetzt mal etwas Merkwürdiges: Als Mitglied der Jury „Spiel des Jahres“ habe ich nahezu das ganze Jahr über keine Zeit zum Spielen. Ja, das klingt zunächst paradox. Es ist aber dennoch wahr, zumindest wenn man „Spielen“ unter seiner geläufigen Definition als „zwanglose Betätigung zum Lustgewinn“ betrachtet.

„Zwanglos“... Zugegeben, es steht natürlich niemand mit der Peitsche hinter mir und zwingt mich dazu, irgendwelche Pöppel über Spielpläne zu schieben. Nein, auch nicht der Jury-Vorsitzende Tom Felber. Trotzdem kann das Attribut „zwanglos“ kaum noch gelten, wenn man sich anschaut, welche Fluten von Spielen die Jury-Mitglieder in einem Jahrgang bewältigen MÜSSEN. Zighunderte Neuheiten schwappen jährlich auf den deutschen Spielemarkt. Alle MÜSSEN in ausreichendem Maße ausprobiert werden. Kein Spiel darf untergehen, kein potentieller Kandidat übersehen werden. Erscheint ein Spiel als möglicherweise relevant, so MUSS es immer und immer wieder gespielt werden. Ein Jury-Mitglied MUSS ständig neue Spielerunden auftreiben, es MUSS jede Variante ausprobieren und es MUSS dies in jeder möglichen Spielerzahl tun. Das Spiel wird mitunter zum „Pflichtspiel“, um mal ein wunderbar dämliches Oxymoron aus der Sportwelt zu bemühen.


So ganz kann er es auch in der Sommerpause nicht lassen: Das erste selbst gestaltete Modell für den 3D-Drucker war natürlich der Spiel des Jahres-Pöppel.

Auch der „Lustgewinn“ tritt in den Hintergrund. Vorrangiges Ziel beim Spielen ist für mich nicht mehr, dass es mir persönlich Spaß macht. Vorrangiges Ziel ist stattdessen die Prüfung des Spieles hinsichtlich der Eignung für eine unserer Auszeichnungen. Was ich das ganze Jahr über tue ist also eben nicht die „zwanglose Betätigung zum Lustgewinn“, sondern vielmehr eine „obligatorische Betätigung zum Erkenntnisgewinn“. Das klingt irgendwie nicht nach „Spielen“, sondern schnell nach dem genauen Gegenteil, nämlich nach „Arbeiten“.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte mich hier weder beschweren noch als selbstlosen „Märtyrer für eine bessere Spielewelt“ darstellen. Auch bin ich mir der besonderen Lage und des großen Privilegs, das ich genieße, durchaus bewusst. Spielen mag für mich ein bisschen zur Arbeit, vereinzelt sogar zur lästigen Pflicht geworden sein. Trotzdem empfinde ich dabei in der Regel aber große Freude. Ich erlebe das ganze Jahr über sehr schöne Momente in Spielerunden. Ich verbringe viel Zeit mit Leuten, die mir wichtig sind. Und ich lerne ständig neue Leute kennen, die mir wichtig werden. Ich durchlebe sämtliche Emotionen, die dieses wunderbare Hobby bietet, jubele über einen gelungenen Spielzug oder schimpfe, wenn ein Mitspieler meine Pläne durchkreuzt. Ich freue mich, wenn mich ein Spiel mit tollen Ideen und kniffligen Entscheidungen überrascht. Und ich ärgere mich mit großer Leidenschaft, wenn ein Spiel mich langweilt oder wenn es auf sonstige Weise „schlecht“ ist. Das alles macht mir unfassbar großen Spaß. Aber es geschieht trotzdem ständig mit dem Hintergedanken „Spiel des Jahres“ und den damit einhergehenden Verpflichtungen und Einschränkungen. Ich kann nicht immer das spielen, worauf ich grade Lust habe. Ich spiele oft das, was grade halt notwendig ist.

Zum Glück ist das aber nicht immer so. In den Sommermonaten bin ich plötzlich wieder freier. Schon mit der Verkündung unserer Nominierungen im Mai reduziert sich das Feld der Spiele so drastisch, dass sich erste Freiräume ergeben. Sobald mit der Preisverleihung im Juli dann endgültig ein Deckel auf den alten Spielejahrgang gemacht wurde, bricht eine besondere Zeit im Jahr an. Die Sommerpause.     

Die Sommerpause bedeutet für mich nicht, „endlich mal nicht zu spielen“. Im Gegenteil, sie bedeutet, dass ich „endlich mal wieder wirklich spielen kann“. Ganz egoistisch, was ich will, wann ich will, wie ich will. Oder endlich mal nicht egoistisch, weil ich meinen Spielegruppen nicht ständig neue Spiele aufdrängen muss. Weil ich nicht immer ein Veto einlegen muss, wenn jemand ein älteres Spiel vorschlägt. Weil ich mit meiner Freundin das importierte Harry Potter-Deckbau-Spiel weiterspielen kann, über das sie sich im letzten Jahr so gefreut hat. Oder weil ich meine feste Mittwochs-Runde den englischsprachigen Titel spielen lasse, nach dem sie schon seit Monaten gefragt hat. Ich kann 40 Partien Dominion in zwei Wochen spielen. Und Pandemie mit immer anderen Erweiterungen. Alles ohne Jury-Relevanz. Ich kann sogar Kacke-Poker-Chips auf eine toilettenartige Spielschachtel werfen und mich wundern, was für ein beklopptes Spiel ich da eigentlich letzten Oktober bei diesem japanischen Messe-Stand gekauft habe (für Interessierte: „Who soiled the Toilet?“).

Natürlich freue auch ich mich schon jetzt wieder auf den neuen Spielejahrgang. Ich bin erwartungsfroh und gespannt darauf, welche neuen Ideen Spieleautoren und –Verlage für uns im Köcher haben. Womit wird man uns überraschen? Welcher Ansatz wird funktionieren, welche Idee verpuffen? Und ich bin auch sehr gerne Mitglied in der Jury „Spiel des Jahres“. Trotzdem ist es auch mal ganz nett, eine Zeit lang nicht ständig an diese Auszeichnungen denken zu müssen und unbeschwerter an die Sache heranzugehen.

Spielen statt „spielen“. Zwanglos und zum Lustgewinn.