Krankheit und Spielen

von
Mittwoch, 10. Februar 2016

Kein Mensch wünscht sich, dass ihn eine schlimme Krankheit ereilt – dennoch passiert es dem einen oder anderen eben, dass das Schicksal nicht gnädig mit ihm ist. Aber auch, wenn einem aufgrund solcher Diagnosen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, geht das Leben weiter. Davon kann ich jetzt ein Lied singen. In den vergangen zweieinhalb Jahren habe ich diesbezüglich nämlich einige Erfahrungen gesammelt. Nicht nur negative, wohlgemerkt. Unter anderem ist mir auch bewusst geworden, dass eines meiner liebsten Hobbies, das Spielen, nicht nur dem Zeitvertreib dient oder Lerneffekte mit sich bringt, sondern weitaus mehr zu bieten hat.

Spielegruppe

Aber fangen wir ganz von vorne an: Selbst Schulmediziner geben inzwischen zu, dass Medikamente allein für eine Genesung selten ausreichen. Förderlich seien vor allem Sport und Ablenkung. Bleiben wir gleich mal bei Ersterem.

Sport ...
Sicherlich hat Bewegung viele positive Auswirkungen auf den Körper; vor allem hilft körperliche Erschöpfung, um nachts schlafen zu können. Während der sportlichen Betätigung – die ja bei schweren Krankheiten auch keine Power-Sportart sein soll, sondern „nur“ eine Ausdauer-Sportart – rattern aber die Zahnräder im Gehirn. Man hat massig Zeit zum Grübeln und Überlegen und ist somit von jeglicher Ablenkung weit entfernt.

Lesen, Fernsehen, Hörbücher ...
Zweifellos sind dies schöne Zeitvertreibe. Aber haben Sie schon mal versucht, sich auf eine dieser Beschäftigungen zu konzentrieren, wenn Sie angespannt waren? Sicherlich hatten Sie dabei ebenso wenig Erfolg wie ich. Immer wieder machen sich die Gedanken frei und gehen ihre eigenen Wege. Irgendwann merkt man, dass man die letzten Seiten des Buches zwar gelesen, aber nicht wahrgenommen hat – oder eben das letzte Kapitel des Hörbuchs. Und ganz besonders leicht schweift man beim Fernsehen ab. Die oftmals seichte Berieselung verlockt ja förmlich dazu.

Selbsthilfegruppen ...
Gewiss tut es ganz gut, mal Leute zu sehen, die von den gleichen Schicksalsschlägen getroffen wurden. Bestimmt kann man auch gute Tipps erhalten. Aber ganz ehrlich: Der ständige Umgang mit anderen kranken Menschen lenkt von der eigenen Misere definitiv nicht ab. Vor allem, wenn man überwiegend mit Leuten in Kontakt kommt, die sich förmlich darin suhlen, jedem Neuling ausführlich ihr Leid zu klagen.

Singen, Musizieren und Spielen ...
Tja, und da wären wir endlich bei den Punkten angelangt, die sich aus meiner Erfahrung als die effektivsten Ablenkungstherapien erwiesen haben. Wer singt und musiziert, der weiß, dass er sich dabei konzentrieren muss. Und sich nach dem Singen eines Liedes auf alle Fälle besser fühlt. Egal, ob er allein unter der Dusche geträllert hat oder zusammen mit anderen in einem Chor. Auch Spielen erweist sich als wunderbares Ablenkungsmanöver. Ohne Konzentration oder Reaktion geht schließlich nichts. Und wenn die Gedanken dann doch wieder mal auf unliebsame Reisen gehen wollen, sorgen bestimmt die Mitspieler dafür, dass man seine geistigen Tätigkeiten wieder auf den Tisch zurücklenkt.

Kinder haben in dieser Hinsicht den Erwachsenen gegenüber einen gewaltigen Vorteil: Sie wissen ganz genau, dass ein Spiel sie ablenkt, und sie lassen es auch immer zu, dass man versucht, ihnen auf diese Weise weniger schöne Situationen erträglicher zu machen. Nicht so Erwachsene. Oft habe ich vergeblich versucht, im Krankenhaus meine Mitpatienten zum Spielen zu überreden. Immer wieder bekam ich die Antwort, dass sie für solchen Kinderkram jetzt keine Nerven hätten oder zu erschöpft dafür seien. Stattdessen haben sie dann bei laufendem Fernseher ewig an die Zimmerdecke gestarrt oder Anrufern ausführlich ihr Leid geklagt. – Schade, denn die wenigen, die sich von mir überreden ließen, kamen immer zu demselben Schluss wie ich: „Ach, das hat jetzt aber Spaß gemacht, und ich habe in der vergangenen Stunde überhaupt nicht an meine Krankheit denken müssen!“

Fazit:
Wenn ich Ärztin wäre, würde ich allen Patienten folgende Begleit-Therapie empfehlen: Treten Sie einem Chor und einem Spieleclub bei oder kramen Sie wenigstens die Brettspiele ihrer Kindheit hervor und stellen Sie fest, dass der Zauber von damals auch heute noch wirken kann!

Spielverschreibung