Kommentar des „Spiel des Jahres“-Vorsitzenden zum Spielejahrgang 2016

Tom Felber„Wir haben eine Liste.“ – Nach einem fast zehnmonatigen Auswahlverfahren und einer dreitägigen Klausur ist es zum 38. Mal soweit: Die Kritikerjury „Spiel des Jahres“ präsentiert dem spielinteressierten Publikum eine Auswahl herausragender Spiele. Das Ziel unserer Empfehlungen und Nominierungen ist es einmal mehr, den Jahrgang in eine übersichtliche Zahl qualitativ hoch stehender Spiele zu verdichten, die gleichzeitig eine möglichst große Vielfalt an verschiedenartigen Spielsystemen abbilden. Denn es ist unser Wunsch, dass jeder spielende Mensch mindestens ein tolles Spiel für seinen Geschmack und Anspruch auf den Listen findet.

24 Spiele empfehlen wir dieses Jahr in unseren drei bekannten, farblich unterscheidbaren Kategorien: Blau steht für Kinderspiele, die von einer separaten Jury ausgewählt werden. Die Farbe Rot kennzeichnet Spiele für alle Leute, und Anthrazit richtet sich an Menschen, die schon etwas erfahrener im Erlernen und in der Anwendung von Spielregeln sind.

Die neunköpfige Jury für das „Spiel des Jahres“ und das „Kennerspiel des Jahres“ hat 14 Titel auf ihre Listen gesetzt. Die ursprüngliche Herkunft der Spiele ist wieder sehr international. Es tauchen auch nach wie vor überraschende, neue, originelle Spielsysteme abseits der üblichen Design-Pfade auf. Die Jury hat einige sehr kommunikative und mehrere kooperative Spiele gelistet, und ein wichtiger Trend geht hin zu Spielen, die Geschichten erzählen.

Im Kennerspiel-Bereich hat die Jury zwei innovative Spielsysteme, die schon fast literarische Qualitäten haben, mit Nominationen belohnt. „Pandemic Legacy“ und „T.I.M.E Stories“ sind beides kooperative Herausforderungen, die nicht im bewährten klassischen Rahmen einer einzigen abendlichen Partie bewältigt werden können. Das Prinzip von TV-Serien wurde quasi auf den Spieltisch übertragen: Tiefgründige Geschichten werden über mehrere Partien weiterentwickelt. Das Spiel „Pandemic Legacy“ mutiert dabei ständig, fast wie ein Organismus. Spielbrett und Regeln verändern sich. Bei „T.I.M.E Stories“ müssen Zeitreisende in mehreren Durchläufen abenteuerliche Aufgaben bestehen und Rätsel knacken. Beide Spiele enthalten narrative Überraschungen, die sich „verbrauchen“, und können deshalb nicht wie klassische Spiele beliebig oft wiederholt werden – im Gegensatz zum dritten nominierten Kennerspiel „Isle of Skye“: Es lädt zu Whiskey und Schafen auf die bekannte schottische Insel ein. Trotz sehr frühem Erscheinungstermin bewies die Erfahrung in vielen, vielen Wiederholungspartien, dass sich nichts am Spiel abnutzt. 

Rätsel zu lösen und Codes zu knacken ist auch bei anderen Spielen auf der Empfehlungsliste angesagt. Zudem betont die Jury mit „Codenames“, „Agent Undercover“ und „Krazy Wordz“ das kommunikative Gemeinschaftserlebnis, auch in größeren Gruppen. Bei den zwei neben „Codenames“ in der Kategorie „Spiel des Jahres“ nominierten Spielen „Karuba“ und „Imhotep“ sind über weite Strecken alle gleichzeitig ins Geschehen involviert und es entstehen keine langen Wartezeiten. Thematisch entführen die drei nominierten Spiele in einen Geheimdienst, auf eine Forscherreise in den Dschungel sowie zu den Bauplätzen der Monumente des Alten Ägyptens. Auffallend an der Liste ist auch, dass ein klassischer Kinderspielverlag wie Haba plötzlich in den Familienspiel-Bereich vorstößt, während Verlage, die hauptsächlich für anspruchsvollere Spiele bekannt sind, nun auch Kinderspiele produzieren.

Bei den anthrazitfarbigen Spielen würdigt die Jury mit „7 Wonders: Duel“ ein reines Zwei-Personen-Spiel, das wie „Pandemic Legacy“ oder das empfohlene Würfelspiel „Qwinto“ zu einer bereits bestehenden Spielefamilie gehört. Bei „Blood Rage“ überrascht die Diskrepanz zwischen äußerer martialischer Erscheinung und tatsächlicher Spielatmosphäre. Und mit „Mombasa“ ist auch wieder ein Spiel auf der Liste gelandet, das die Jury von seinem Schwierigkeitsgrad her noch eine Stufe über dem Niveau des nominierungsfähigen Kennerspiels ansetzt.

Nicht in allen Fällen hat die Jury die Altersangaben und aufgeführten Spieldauern der Verlage übernommen, nämlich wenn solche nicht den eigenen Spielerfahrungen entsprachen. Und es sei noch einmal darauf hingewiesen: Die Jury „Spiel des Jahres“ bewertet auch die Spielregeln. Bei einigen Verlagen ist deutlich spürbar, dass sie sorgfältig geschriebenen und gestalteten Regeln ebenfalls einen hohen Stellenwert beimessen. Andere Spiele befand die Jury für so herausragend, dass sie gnädig über kleinere Mängel in den Regelheften hinweggesehen hat. Aber auch dieses Jahr sind leider gute Spiele wegen unverständlicher Regeln aus der Entscheidung gefallen. Oft werden suboptimal strukturierte und formulierte Regeln von Spielen ausländischer Verlage bei den Übersetzungen nicht verbessert, sondern einfach übernommen. Eine andere Erkenntnis: Gemäß der Beobachtung der Jury vermögen sich Elektronik und Digitalisierung im Brettspielbereich weiterhin nicht wirklich durchzusetzen.

Es bleibt nun noch zwei Monate lang spannend. Welche der jeweils drei nominierten Titel das „Spiel des Jahres“ und das „Kennerspiel des Jahres“ abholen, entscheidet sich erst am Montag, 18. Juli 2016 an einer Preisverleihung in Berlin, die wieder per Live-Stream übertragen wird. Bis dahin wünschen wir viel Spaß beim Spielen.
 
Tom Felber
1. Vorsitzender Spiel des Jahres