Das können Sie sich schenken

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Sonntag, 6. Dezember 2015

Es ist mal wieder an der Zeit. Die Anfragen häufen sich. Meist vorsichtig eingeflogen mit dem Vorsatz: „Du kennst dich doch damit aus…“ und dem Nachsatz: „Ich will ein Spiel verschenken; welches denn?“ Als Befragter fühlt man sich dann erst einmal geehrt und gebauchpinselt – und völlig ratlos.

Dann holt der vermeintliche Fachmann tief Luft, sammelt sich und fragt ganz viel nach. Zum Beispiel: Wie alt ist denn die zu beschenkende Person? Ist sie männlich oder weiblich? Spielt sie oft oder nur alle paar Monate mal? Mit wem und mit wie vielen Personen? Ist sie beim Spielen auf eine fröhliche schnelle Nummer aus, oder auf eine langfristige Herausforderung? Auf ein Partyspiel oder ein strategisches Schwergewicht? Knallharten Wettbewerb oder kooperatives Spielvergnügen? Kann sie gut verlieren oder geht das gar nicht?

Schon hat sich das Bild geändert: Der Befragte hat sich in Rage geredet, während es nun an seinem Gegenüber ist, völlig ratlos zu wirken: An so viele Dinge muss man beim Schenken von Spielen denken? Oh, ja! Und an noch viel mehr. Dabei läuft es letztlich auf genau eine Frage hinaus, jene, die immer beantwortet werden sollte, damit Schenkender und Beschenkter froh und munter sind: Was mag er oder sie denn?

Broom Service

Das liegt eigentlich auf der Hand, und es wird bei jedem anderen Kulturgut als dem Spiel auch sofort akzeptiert, ob es nun um Literatur, Filme oder Musik geht. Ich glaube nicht, dass jemand, der in einer Buchpreis-Jury sitzt, ohne weitere Eingrenzung gefragt wird: „Ich möchte ein Buch verschenken; welches denn?“

Wenn Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht, wird man ihr kaum eine Liebesschnulze schenken. Wer sich nur Actionreißer in den DVD-Player wirft, den stürzt französische Filmkunst insbesondere zu Heiligabend in existentialistische Krisen. Und ein Opern-Connaisseur geht mit Helene-Fischer-CD auch eher fassungslos durch die Nacht, die heilige. Und jetzt verrate ich Ihnen mal etwas: Bei Spielen und Spielgeschmäckern ist das ähnlich. Zumindest grob sollten die wichtigsten Kategorien – Alter, Anspruch, Spielerzahl – erfüllt sein.

Und nachdem ich – falls ich denn der hier geschilderte Befragte sein sollte – all das erzählt habe, mache ich es mir in der Regel ganz einfach: Ich rate reinen Gewissens und voller Überzeugung zum Spiel des Jahres, beziehungsweise zum Kinder- oder Kennerspiel des Jahres. Die Juroren haben viel Zeit, viele Gedanken, viele Teststunden in unterschiedlichsten Konstellationen darauf verwendet, Spiele auszuwählen, von denen sie glauben, dass sie bei der Zielgruppe punkten. Es ist wohl kein Zufall, dass es in vielen Familien Sitte ist, sich jedes Jahr zu Weihnachten das aktuelle Siegerspiel zu schenken.

Colt Express

In diesem Jahr ist das mit COLT EXPRESS eine sehr spaßige und chaotische Western-Parodie. Und wenn das partout nicht der Geschmack des zu Beschenkenden ist? Weil es ihm zu hektisch ist und zu unkontrollierbar? Oder weil er lieber gemeinsam mit anderen gewinnt oder verliert, statt sie auszuschalten? Dann bieten alleine schon die nominierten Titel schöne Alternativen: Bei der Städtebau-Simulation MACHI KORO geht es ungleich kontemplativer zu, das abstrakte THE GAME bietet kooperativen Thrill par excellence. Die Empfehlungsliste bietet weitere Anregungen für jede Kategorie, jede Altersgruppe und Preisklasse, vom Mitbringspiel für Vorschulkinder bis zum strategischen Brocken für Spieleprofis. Und dann gibt es natürlich noch die ausgezeichneten, nominierten und empfohlenen Spiele der Vorjahre…

Für die Feinabstimmung empfehle ich einen Besuch im Fachhandel. Dort können wichtige Fragen beantwortet werden. Und hier kann man auch abchecken, ob der anvisierte Kauf wirklich komplett ist (nicht jede reine Erweiterung ist auf den ersten Blick als solche zu erkennen) oder ob man vielleicht noch Batterien braucht – diese über die Feiertage zu besorgen, ist nicht einfach und schlägt auf die Stimmung. Vor allem aber kann man sich hier die Regeln erklären lassen. Insbesondere bei Spielen für Kinder, die nun einmal am liebsten direkt einsteigen, empfiehlt sich vorab die eine oder andere Probepartie.

Spinderella

Das absolut Großartige am Spielen aber – das, was es von anderen Kulturgütern unterscheidet – ist ohnehin das kollektive Erlebnis. Lesen, schauen, lauschen kann und muss man alleine. Spielen jedoch geht nur gemeinsam, und das ändert einiges. Wenn die Gruppe nur halbwegs stimmt, reißt das vieles heraus, auch wenn das geschenkte Spiel nicht der hundertprozentige Volltreffer ist.

Damit kommen wir zu dem vielleicht wichtigsten Punkt: Schenken Sie mit dem Spiel auch Zeit. Seien Sie mindestens bei der ersten Partie dabei. Wenn Sie richtig gewählt haben, wird das Ihr Schaden nicht sein. Nur darum geht es bei dem nun anstehenden Fest und auch beim Spielen immer: Zeit miteinander zu verbringen. Falls Sie dazu nicht bereit sind, können Sie sich das Schenken zumindest von Spielen auch schenken. Und wer will das schon?